Donnerstag, 29. März 2018

Zum Tag des Buches erinnert die Gemeindebücherei an Bücherverbrennungen

Vorsicht Buch – Gefährliche Liebschaft!

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Büchereileiterin Petra Göhring (links) eröffnet die Veranstaltung mit einem Rückblick auf die Bücherverbrennungen in Heidelberg 1937

 

Dossenheim 11. Mai 2012. (red/cr) Das Bücher revolutionäre Ideen enthalten können ist spätestens seit dem 30-jährigen Krieg bekannt. Im Nationalsozialismus wurden gezielt Bücher unliebsamer Autoren verbrannt. Das die Beziehung zum Buch auch heute noch Gefahren in sich birgt, erklärte Jörg Wenzler in der Lesung „Vorsicht Buch – Gefährliche Liebschaft!“.

Von Christian Ruser

Seit 1947 wird am 10. Mai alljährlich den Bücherverbrennung des Nationalsozialismus gedacht. Auch Heidelberg, eine Stadt, die nach dem Raub der Bibliotheka Palatina im Dezember 1622 den Wert von Büchern hätte schätzen sollen, trug ihren Teil bei. So lautete die Headline eines Zeitungsartikels am 20. Oktober 1937 „Raus mit dem Plunder. Städtische Bücherei räumt aus und baut auf“. Bücher zensierter Autoren machten Büchern über die Wehrmacht und Heimat Platz.

Der 10. Mai ist also ein Datum, dass heute noch zum Nachdenken anregen sollte. Hierzu hatte die Gemeindebücherei Schauspieler Jörg Wenzler und das Klinghoff-Duo mit der Literarischen Lesung „Vorsicht Buch – Gefährliche Liebschaft!“ eingeladen.

„Vom Buch soll die Rede sein“

So eröffnet Wenzler seinen Vortrag. Ein Gegenbild vom Buch zu zeichnen, hat er sich zur Aufgabe gemacht. Eine Liebeserklärung an das Buch und einen Revolutionsaufruf gegen die Medien geprägte Welt.

Es ist weitaus leichter, mit einem Knall ein Buch zuzuklappen, als mit einem lautlosem Knopfdruck den Fernseher auszuschalten

Wenzler These gibt zu denken. Bricht nicht für viele eine Welt zusammen, wenn sie ein Tag oder gar eine Woche vom Internet oder Handy getrennt sind? Aber nicht der Medienwahn steht im Mittelpunk der Veranstaltung, sondern das Buch und das Lesen. Von einer Art Lese AIDS wird gesprochen, ausgelöst vor allem durch Kritiker, Deutschlehrer und Germanisten. Sie sind es, die bereit im Kinderalter jeglichen Spaß am Lesen nehmen. Ihre Methode: Die Interpretation.

Mit kaltem erbarmungslosen Blick sezieren sie den Text, so dass nichts mehr übrig bleibt, als das Gerippe der einzig richtigen Bedeutung. Es gibt keinen Platz für Fantasie und Träumerein, der Faszination der Satzmelodie  und der Immaginationswelten. Wenzler fürchtet, dass allmählich eine zentrale Errungenschaft der Aufklärung verloren geht. Er ruft uns deshalb auf zu Revolutionären zu werden und sich der Interpretation zu entziehen. Bücher vorzulesen und zum Vergnügen zu konsumieren.

Gekonnt belegt seine Ansicht durch Texte von Herman Hesse und Gerhard Köpf. Karikiert den falschen Bücherfreund durch Texte von Joachim Ringelnatz, Max Frisch und Herrmann Harry Schmitt.  Aber kann er damit überzeugen?

Lesekritik noch Zeitgemäß?

In der Pause sind die Stimmen aus dem Publikum geteilt. Man erkennt die gute Vortragsleistung an, auch die musikalischen Intermezzi des Klinghoff-Duos haben den Vortrag schön abgerundet. Doch fühlen sich viele nicht wirklich überzeugt, gestehen sogar ein, nicht mehr richtig zuhören zu können.

Treffen die Behauptungen von Jörg Wenzler noch einen Nerv? Meiner Meinung nicht. Das Bild des Deutschlehrers, der durch den Irrglaube an eine gültige Standardinterpretation den Spaß am Lesen verdirbt, ist in einigen Fällen noch zutreffend. Aber ein guter Lehrer sollte sich bewusst sein, dass es diese nicht gibt. Angst vor immer weniger lesenden Menschen ist wohl nicht angebracht.

Auch wenn eine Verbraucherumfrage der Bauer Media KG 2011 zeigt, dass weniger Deutsche gerne zum Buch greifen, ist Lesekompetenz eine wichtige Schlüsselqualifikation, um am sozialen Leben teilzunehmen. SMS, Internet-Foren und emails sind ohne Lese- und Schreibfähigkeiten nicht zu nutzen. Das Hören von Hörbüchern ist eine Beschäftigung mit Literatur, die dem Lesen von Büchern gleich gestellt werden kann.

Es kann also zusammenfassend gesagt werden, dass der Vortrag in seiner Qualität sehr gelungen war, seine Botschaft jedoch kontrovers diskutiert werden kann. Auch wenn ich die Tendenz dieser Botschaft als zu kulturpessimistisch empfinde, gibt die Veranstaltung Grund zum Nachdenken. Nachdenken über Bücher und deren Wert für die Gesellschaft.