Freitag, 21. September 2018

Gabis Kolumne

Die Sache mit der Peinlichkeit

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Spiegel-Titel zur Pubertät.

Rhein-Neckar, 16. Juli 2012. Wenn Kinder in die Pubertät kommen, werden Eltern nicht nur schwierig, sondern auch peinlich. Ist das so? Gabi macht sich darüber ihre Gedanken.

„Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden“, sagte mir kürzlich mein Tochter.

Okay, okay, ich habe das alles schon einmal mit dem Sohnemann durchgemacht. Aber das war die männliche Variante und jetzt kommt die weibliche, sprich beleidigt sein, zicken und das ganz große Drama.

„Weißt du eigentlich, dass in der Pubertät im Hirn von Jugendlichen alles neu verschaltet und verdrahtet wird?“, fragte mich mein Goldkind, und hatte damit die Entschuldigung für alles, was kommen könnte, parat.

So etwas lernt man heute also in der Schule, dachte ich mir.

Und wie sieht das bei mir aus, frage ich mich. Werde Frauen, die auf die 50 zugehen nicht auch neu verdrahtet? Soll ich jetzt beleidigt sein, zicken und groĂźes Drama spielen?

Eine meiner Freundinnen, und sie gehört zu meinen liebsten, immerhin habe ich mit ihr schon die Schulbank gedrückt und den ersten Liebeskummer – auf beiden Seiten – durchgestanden, hat Zwillinge, beide 14 Jahre alt und beiderlei Geschlecht. Also die ganz harte Nummer.

Sind wir wirklich peinlich?

„Vor Kurzem“, erzählte sie mir, „habe ich ganz laut Musik aufgelegt und getanzt. Du hättest meine Kinder erleben sollen, das war ihnen absolut peinlich und sie hatten nur ein verächtliches ‚oh, Gott, Mama‘ fĂĽr mich ĂĽbrig“.

Ich wusste genau, was sie meinte, jegliche Emotionalität auf Elternseite wird als Entgleisung empfunden.

Die größte Peinlichkeit für Jungs ist der Kuss der Mutter vor allen Freunden, bei Mädchen ist es die Aufforderung, das T-Shirt doch runter zu ziehen. Tanzen in der Öffentlichkeit setzt dann noch allem eine Krone auf.

Ich war mit Freundinnen und unseren Töchter auf einem Straßenfest unterwegs, Musik spielte und auf einer Bühne wurde getanzt. Eine von uns „älteren“ Mädels wagte es, sich von den Klängen verführen zu lassen und sich rhythmisch zu bewegen.

„Mama, das ist ja nur peinlich“, war der sofortige Kommentar ihrer Tochter.

Das heißt also, wenn Kinder in die Pubertät kommen, sollten wir auf Elternseite sofort auf die Spaßbremse drücken. Sprich uns erwachsen, humorlos und spaßfrei bewegen und verhalten.

Liebesbeteuerungen und -beweise sind nur noch den Teenagern untereinander gestattet genauso wie emotionale AusbrĂĽche oder Tanzeinlagen in der Ă–ffentlichkeit.

Ich habe mich gefragt, wie war das in unserer Pubertät? Haben wir unsere Eltern auch als peinlich empfunden?

Waren unsere Eltern noch Eltern?

Oder haben sich unsere Eltern erwachsener verhalten? Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass meine Mutter zu lauter Musik durch die Wohnung getanzt ist.

Ab einem bestimmten Alter habe wir auch kaum noch die Freizeit mit unseren Eltern verbracht und wenn, dann war das beim Sonntagsspaziergang, also mit Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir wurden aber auch nicht von unseren Eltern überall hin gefahren und sie hatten weit weniger Kontaktmöglichkeiten mit unserem Freundeskreis bei Schul- und Freizeitveranstaltungen. Die Welten waren getrennter. War das besser?

Zudem begann die Pubertät später, zumindest, was das Freizeitverhalten betraf. Vielleicht müssen sich unsere Kinder auch mehr abgrenzen, da wir länger „jung“ sind als die Generationen vor uns. Wir hören oft ähnliche Musik, tragen ähnliche Klamotten und feiern Partys.

Ich war kürzlich mit meinem 18jährigen Sohn in einem Café. Die Bedienung kam und fragte: „Was wollt ihr trinken?“

„Sie hat mich einfach geduzt“, empörte sich mein Sohn. „Sie hat mich einfach geduzt“, freute ich mich.

Heißt das, wir wollen nicht erwachsen, nicht „alt“ werden? Müssen wir uns ändern?

„Ich habe beschlossen, ich tanze weiterhin durch die Wohnung, wenn es mir danach ist“, sagte meine Freundin mit den Zwillingen. „Soll’s meinen Kindern doch peinlich sein.“

Ja, dachte ich, soll’s ihnen doch peinlich sein, das werden sie ĂĽberleben und ich nahm mir vor, kĂĽnftig solche Aussagen lockerer zu nehmen, denn erstens haben wir schon viele peinliche Situationen mit unseren Kindern erlebt und zweitens, die Pubertät geht vorĂĽber – irgendwann.

gabi

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.