Samstag, 18. November 2017

Generation 60+ im Straßenverkehr: Medikamente und körperliche Defizite hĂ€ufig Unfallursache

Senioren sind nicht automatisch ein Verkehrsrisiko

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Archivbild

 

Rhein-Neckar, 30. April 2013. (red/ae/aw) Wer FĂŒhrerschein und Auto besitzt, ist mobil, unabhĂ€ngig – und diese UnabhĂ€ngigkeit wird ungern wieder aufgegeben. Denn MobilitĂ€t bedeutet LebensqualitĂ€t. Dies gilt auch fĂŒr Seniorinnen und Senioren. Doch ab wann ist man zu alt zum Autofahren und sollte die AutoschlĂŒssel lieber liegen lassen? Erst gestern verursachte ein 82-jĂ€hriger Falschfahrer auf der A81 einen Unfall. Er und ein 40 Jahre alter Mann kamen dabei ums Leben. Statistiken zeigen: Es gibt mehr Ă€ltere Teilnehmer im Straßenverkehr, doch ein erhöhtes Risiko fĂŒr UnfĂ€lle gibt es deshalb nicht unbedingt.

Von Alina Eisenhardt

26. April 2013, Gestern Abend gegen 19.30 Uhr ereignete sich auf der B37 ein Verkehrsunfall, als eine Seniorin das Rotlicht missachtete. Insgesamt wurden fĂŒnf Personen verletzt, zwei davon schwer. Es entstand ein Sachschaden von ca. 19.000 Euro.

06. Juli 2012, Ilvesheim: Ein fast 90-jĂ€hriger Rentner ĂŒberfĂ€hrt bei der Ausfahrt aus der Tiefgarage versehentlich seine Frau und verletzt sie schwer.

04. September 2012, Mannheim-Friedrichsfeld: Ein 70-jÀhriger PKW-Fahrer kommt von der Fahrbahn ab und durchbricht das Tor zu einem Kfz-Handel. Bevor er zum Stillstand kommt, beschÀdigt er dort mehrere Fahrzeuge, einen Verkaufscontainer, einen Pavillon und eine Hauswand. Der entstandene Sachschaden wird auf mehrere zehntausend Euro geschÀtzt.

Wir lesen tĂ€glich die Polizeiberichte und irgendwie stellt sich das GefĂŒhl ein, dass UnfĂ€lle durch Ă€ltere Verkehrsteilnehmer zunehmen. Ist das so?

UnfĂ€lle der ĂŒber 65-JĂ€hrigen: Unterproportionale Unfallbeteiligung

Laut der Statistik “UnfĂ€lle von Senioren im Straßenverkehr 2011“ des Statistischen Bundesamtes lĂ€sst sich das wachsende Verkehrsaufkommen in Deutschland – bei etwa gleichbleibender Bevölkerung – unter anderem darauf zurĂŒckfĂŒhren, dass auch Senioren im Alter von 65 und mehr noch mobil sind. Als Beteiligte an UnfĂ€llen mit Personenschaden hatten die ĂŒber 65-JĂ€hrigen 2011 trotz erhöhter MobilitĂ€t aber nur einen Anteil von 11,8 Prozent. Das ist eine unterproportionale Unfallbeteiligung, denn ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt derzeit bei fast 21 Prozent.

Senioren sind hĂ€ufig durch körperliche Defizite, wie zum Beispiel Hör- und SehschwĂ€chen sowie verminderte ReaktionsfĂ€higkeit, eingeschrĂ€nkt. Oft jedoch kompensieren sie dies durch grĂ¶ĂŸere Erfahrung und eine vorsichtigere Fahrweise. So werden zum Beispiel Fahrten bei Nacht oder bei schlechten Wetterbedingungen von vielen Ă€lteren Autofahrern gemieden.

Vorausgesetzt, die Betroffenen erkennen ihre Defizite, sind Senioren also per se kein Risikofaktor im Verkehr.

Eher Opfer statt Verursacher

Im Gegenteil: Oft sind Ă€ltere Menschen nicht die Unfallverursacher, sondern die Opfer. Im Jahr 2011 sind 12,1 Prozent mehr Senioren im Straßenverkehr verunglĂŒckt als noch 2010. Von insgesamt 45.388 Senioren, die an VerkehrsunfĂ€llen beteiligt waren, starben 1.044. Das sind 14,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

DarĂŒber hinaus ist bei Senioren die Gefahr, bei einem Unfall schwere Verletzungen zu erleiden, mit 25,5 Prozent deutlich höher als bei Verkehrsteilnehmern unter 65 Jahren (16,4 Prozent). Daraus ergibt sich auch eine zunehmende Gefahr, bei einem Unfall im hohen Alter tödlich zu verunglĂŒcken.

Das Senioren nicht automatisch ein Risiko im Straßenverkehr darstellen, bedeutet aber nicht, dass sie gar keine Gefahr fĂŒr die anderen Verkehrsteilnehmer oder sich selbst sind. Denn je Ă€lter Senioren werden, desto mehr unterliegen sie ihren körperlichen Defiziten. Welche dann auch die lĂ€ngere Erfahrung im Straßenverkehr nicht mehr ausgleichen kann.

Ab 75 Jahren steigt das Risiko kontinuierlich an

Laut der Deutschen Verkehrswacht sei bei Autofahrern bis zum 75. Lebensjahr kein erhöhtes Verkehrsrisiko zu erkennen. Das Risiko, einen Unfall zu bauen, steige allerdings ab diesem Alter kontinuierlich an. Mit Ende 80 ist das Unfallrisiko, laut Statistik, mit dem eines FahranfÀngers vergleichbar.

Es gibt allerdings einen potenziellen Risikofaktor, der nicht nur aber insbesondere Senioren betrifft: Medikamente. Viele alltĂ€gliche Arzneimittel, wie beispielsweise Grippemittel oder Antiallergika, können die FahrtĂŒchtigkeit beeintrĂ€chtigen. Auch Medikamente, die typischer Weise von Senioren eingenommen werden, wie Mittel gegen Bluthochdruck, Diabetes, sowie Schmerz- und Schlafmittel, können hinter dem Steuer zur Gefahr werden.

Alle diese Medikamente sind gefĂ€hrlich, denn sie beeintrĂ€chtigen das Reaktionsvermögen. DarĂŒber hinaus können sich die Nebenwirkungen negativ auf die FahrtĂŒchtigkeit auswirken. Wenn man zum Beispiel ein Medikament gegen Bluthochdruck einnimmt, dann kann einem schwindlig werden,

erklĂ€rt Sandra Nemetschek von der BrĂŒcken-Apotheke in Mannheim-Seckenheim. Sie informierte Interessierte bereits bei einer Sicherheitsaktion fĂŒr die Generation 60+ des PolizeiprĂ€sidiums Mannheim.

10 Prozent der VerkehrsunfÀlle entstehen durch Medikamente

Das Problem dabei ist, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass sie berauschende Substanzen zu sich nehmen, also solche mit erregender oder einschlĂ€fernder Nebenwirkung. Somit bilden sie ungewollt Risikofaktoren im Straßenverkehr. Das liege unter anderem daran, dass rechtlich nicht geklĂ€rt sei, ab wann man nicht mehr ins Auto steigen sollte, wie es das beispielsweise beim Alkohol der Fall ist, so Frau Nemetschek.

“Berauschende Substanzen” ist ein dehnbarer Begriff. SchĂ€tzungen zufolge soll jeder zehnte Verkehrsunfall unter Medikamenteneinfluss entstehen.

Ein Grund, warum es Sandra Nemetschek besonders wichtig, die Betroffenen aufzuklÀren.

Besonders bei Mitteln gegen Bluthochdruck und Diabetes sollte man sich vorher von seinem Arzt oder Apotheker beraten lassen. Oft verursacht die Ersteinnahme oder ein Medikamentenwechsel eine BeeintrĂ€chtigung des Patienten, die empfehlen lĂ€sst, die AutoschlĂŒssel ersteinmal liegen zu lassen.

Im Zweifel: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Sobald man Schlafmittel eingenommen hat, sollten auf jedenfall die Packungsvorschriften eingehalten werden. Diese beinhalten meistens, den Hinweis nach der Einnahme kein Fahrzeug mehr zu fĂŒhren.

Dabei sollte man aufpassen: Schlafmittel sind auch oft in Grippemitteln enthalten,

rĂ€t Sandra Nemetschek. Sobald man sich nach Medikamenteneinnahme schlĂ€frig oder schlapp fĂŒhle, sollte man also auf keinen Fallmehr ins Auto steigen.

Leider ist es sowohl fĂŒr Außenstehende als auch fĂŒr Betroffene oft schwer zu erkennen, ab wann eine FahruntĂŒchtigkeit besteht. Im Zweifel gilt aber: Lieber eine Vorsicht statt einer bösen Nachsicht. Lieber das Auto stehen lassen und ein Taxi rufen.

Da der Anteil der Ă€lteren Bevölkerung in unserer Gesellschaft derzeit stetig wĂ€chst, wachsen hier auch Herausforderungen, die es zeitnah anzupeilen gilt. Denn bereits 2020 sollen aktuellen Berechnungen zufolge, 30,5 Prozent der Bevölkerung ĂŒber 65 Jahre alt sein. Und es ist davon auszugehen, dass auch diese dann noch bis ins hohe Alter mobil und unabhĂ€ngig bleiben wollen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.