Freitag, 13. April 2018

Doppelmord wegen Unzufriedenheit ĂŒber die Nebenkostenabrechnung?

„Ich bringe euch alle um“

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Das erste Modell der Mordwaffe Ceska 75. Wikipedia, Sgaba, CC BY-SA 3.0

Das erste Modell der Mordwaffe Ceska 75. Wikipedia, Sgaba, CC BY-SA 3.0

 

Dossenheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 21. August 2013. (red) Das Motiv fĂŒr den Doppelmord von Dossenheim soll ein jahreslanger Streit ĂŒber Nebenkostenabrechnungen einer Hausverwaltung gewesen sein. Der TĂ€ter erschoss sich selbst, nachdem er zwei Personen tödlich getroffen und fĂŒnf andere schwer verletzt hatte. Der 71-jĂ€hrige TodesschĂŒtze hat gezielt die Teilnehmer einer EigentĂŒmerversammlung unter Beschuss genommen – andere Personen hatte er nicht im Visier. Staatsanwaltschaft und Polizei haben heute umfangreich ĂŒber die bisherigen Ermittlungen informiert. Der Fall scheint geklĂ€rt. Der TĂ€ter ist tot. Deshalb wird es auch keine Anzeige und kein Ermittlungsverfahren geben. Ist damit alles geklĂ€rt?

Von Hardy Prothmann

Dossenheims BĂŒrgermeister Hans Lorenz (CDU) ist fassungslos:

Ich kann Ihnen ehrlich nur sagen, dass ich sprachlos bin. Mein Beileid gilt den Hinterbliebenen.

Bis gestern war Dossenheim ein Ort ohne besondere Vorkommnisse. Eine ruhige, fast verschlafene Gemeinde. Seit gestern ist sie bundesweit bekannt. „Blutbad im Tennisclub“, „Amoklauf im Vereinsheim“ titeln Zeitungen. Der Medienauftrieb ist gigantisch. Es ist Sommerloch und eine solche Bluttat ein abend- und seitenfĂŒllendes Topthema.

 

Enormes Medieninteresse.

Enormes Medieninteresse. Pressekonferenz beim PolizeiprÀsidium Heidelberg.

 

Vor dem Vereinsheim treffe ich Willi Ortlipp, VereinsprĂ€sident der TSG Germania 1889. Dem Verein gehört die GaststĂ€tte „Ambiente“. Gehobener Standard. Sehr gepflegt. Mit Sonnenterrasse. Herr Ortlipp sagt:

Ich war bis kurz nach 18 Uhr vor Ort. Es war gerammelt voll, weil Herr Dr. Lamers hier eine Veranstaltung hatte. Um 19:15 Uhr habe ich von der Schießerei gehört und bin sofort zurĂŒckgekommen.

Auch er ist erschĂŒttert. Denkt an die Angehörigen. Aber auch an den Verein:

Es ist schrecklich, was hier passiert ist. FĂŒr alle. Aber es ist auch sehr wichtig zu wissen, dass das alles nichts mit unserem Verein und dem Lokal zu tun hat. Es ist hier nur passiert. Schlimm.

 

Blumen fĂŒr die Opfer.

Blumen fĂŒr die Opfer.

 

Der Bundestagsabgeordnete Dr. Karl A. Lamers (CDU) war noch am Nachmittag mit Maria Böhmer, Staatsministerin im Kanzleramt, im Lokal. Wahlkampf in der Provinz. Wie viele Menschen waren da?

Es war sehr gut besucht, fast voll,

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Kriminaltechniker bereiten sich vor, um den Tatort zu untersuchen.

sagt Herr Ortlipp. Wieviele Menschen das gewesen sein könnten, kann er gerade nicht sagen. Er ist sehr konzentriert, aber sein Blick geht auch immer nach innen. So wie bei einem Vereinskollegen und dessen Frau.

Immer wieder haben alle TrÀnen in den Augen. Zwischendurch umarmt man sich spontan. Kraft geben. Schmerz teilen.

Kurz nach 18 Uhr habe sich die Gesellschaft dann aufgelöst, schildert Herr Ortlipp alles so prÀzise, wie es ihm möglich ist. Zum Tatzeitpunkt seien schÀtzungsweise noch rund 50 Menschen im Lokal gewesen, auf der Terrasse oder auf den TennisplÀtzen davor. Darunter ein knappes Dutzend Kinder.

 

Mitten in Dossenheim wohnte der TodesschĂŒtze. Seine Waffen durfte er legal besitzen. Zwei Pistolen und fĂŒnf Gewehre.

Mitten in Dossenheim wohnte der TodesschĂŒtze. Seine Waffen durfte er legal besitzen. Zwei Pistolen und fĂŒnf Gewehre. Filip N. war 71 Jahre alt, vorher nicht auffĂ€llig. Jetzt ist er der Mörder von zwei Menschen und hat fĂŒnf weitere versucht zu töten. Dutzende Anwesende sind geschockt.

Das Nebenzimmer im ersten Stock ist fĂŒr eine EigentĂŒmerversammlung reserviert. 25-30 Personen passen an die Tische, die in U-Form aufgestellt sind. Neun Personen, darunter der spĂ€tere TĂ€ter, Filip N. (71) und dessen 70-jĂ€hrige Frau, sind anwesend. Acht EigentĂŒmer und der Hausverwalter. Wie so oft gibt es Streit.

Der Rentner bezichtigt andere des Betrugs und wird schließlich aufgefordert, die Versammlung zu verlassen.

Er geht und fÀhrt nach Hause. Von seiner Wohnung aus bis zur GaststÀtte sind es drei Minuten mit dem Auto. Das Haus nahe der OEG ist sichtbar in die Jahre gekommen, wirkt abgewirtschaftet.

Eine Viertelstunde spĂ€ter kehrt er zurĂŒck. Am Tresen trinkt er eine Cola, bezahlt, geht in das Zimmer und ruft:

Ich bringe euch alle um.

Dann eröffnet er das Feuer aus seiner großkalibrigen halbautomatischen Pistole Ceska 75, neun Millimeter Luger. Die Pistole lĂ€dt nach jedem Schuss automatisch nach. Ein geĂŒbter SchĂŒtze verfeuert in Sekunden ein Magazin. FĂŒr die Pistole gibt es Magazine von 10-16 Schuss. Filip N. wird ein Magazin abfeuern und nachladen. Er schießt weiter. Gibt auf. Und schießt sich in den Kopf. Nach dem letzten, tödlichen Schuss stecken noch neun Patronen im zweiten Magazin.

Einen 82-jĂ€hrigen und einen 54-jĂ€hrigen trifft er tödlich. Die Kugeln durchschlagen den Brustkorb der Opfer, eines trifft er zusĂ€tzlich im Oberschenkel. Weitere vier Personen verletzt er (59, 70 und 81 Jahre alt), darunter die eigene Ehefrau (70), die unter einem Tisch mit einer weiteren EigentĂŒmerin Schutz sucht, die unverletzt bleibt. Eine weitere Person entkommt unverletzt und sucht das Weite. Zwei weitere Personen fliehen verletzt aus dem Raum.

13 Mal hat er die Waffe im Versammlungsraum abgefeuert, zwei weitere SchĂŒsse fallen in der GaststĂ€tte, als er die FlĂŒchtenden verfolgt. Dabei wird eine Frau auf der Terrasse durch einen Streifschutz am Kopf lebensgefĂ€hrlich verletzt. Auf der Terrasse schießt er einmal in die Luft. Der Koch hat sich ins Freie geflĂŒchtet, zwei Kinder angetroffen und diese sowie sich hinter einem anderen GebĂ€ude in Sicherheit gebracht, erzĂ€hlt Herr Ortlipp.

Als der SchĂŒtze aus dem Raum ist, kĂŒmmern sich GĂ€ste und Angestellte um die Verletzten. Machen Druck-Bandagen. Ein Opfer verstirbt.

Filip N. begegnet einem Kellner:

Geh aus dem Weg. Ich will Dir nichts tun,

Kriminaldirektor Siegfried: "Er wollte alle töten."

Kriminaldirektor Siegfried Kolmar: „Er wollte alle töten.“

soll er gesagt haben.

Im Eingangsbereich der GaststĂ€tte richtet er dann die Waffe gegen sich selbst und schießt sich in die rechte SchlĂ€fe.

Hier findet ihn die Polizei, die um 18:51 Uhr alarmiert worden ist und um 18:57 Uhr eintrifft.

Filip N. ist in einer großen Blutlache zusammengesackt. Er lebt noch, verstirbt aber innerhalb von Minuten.

Das ist extrem schnell abgelaufen,

fasst der Heidelberger Kriminaldirektor Siegfried Kolmar den Ablauf der Tat zusammen. Wie genau die Tat ablief, rekonstruieren zur Zeit noch die Kriminaltechniker. Über das Ziel von Filip N. hat Kriminaldirektor Kolmar keinen Zweifel:

Er hat alles getan, um die Personen der Versammlung zu töten. Die Verletzten hatten einfach nur GlĂŒck, nicht tödlich getroffen zu werden.

Unklar ist, was den Ausschlag zur Eskalation der Gewalt gegeben hat. Filip N. galt als Nörgler und „streitbar“ – vielleicht hatte er auch nur einen notorischen „Gerechtigkeitssinn“. Im Dezember 2012 hatte er die Hausverwaltung wegen Betrugs bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Die prĂŒfte und informierte den EigentĂŒmer, dass die Hausverwaltung einen Posten korrigiert habe und der Fall nicht von öffentlichem Interesse sei, sagte Staatsanwalt Florian Pistor. Der private Klageweg sei offen. Es kam zu keinem Prozess:

Die Anzeige war knapp und sachlich formuliert. Er verwendete keine Drohungen oder SchmÀhungen.

Staatsanwalt Pistor: "Er fĂŒhrte ein geregeltes Leben."

Staatsanwalt Florian Pistor: „Er fĂŒhrte ein geregeltes Leben.“

Reicht aber ein Streit ĂŒber Nebenkosten aus, um zwei Menschen zu töten, es bei sechs anderen zu versuchen und sich dann selbst zu töten?

Staatsanwaltschaft und Polizei haben keine anderen Erkenntnisse, was eine solche Wuttötigkeit ausgelöst haben könnte.

War es ein Kurzschluss? Hinweise auf einen Plan, eine Vorbereitung, eine nachvollziehbare Aneinanderkettung von GrĂŒnden gibt es keine. Staatsanwaltschaft und Polizei erteilen offen Auskunft. An dieser Stelle hat man den Eindruck, sie zucken mit den Schultern. „Keine Ahnung“, könnte das heißen und weiter: „Wir können uns das auch nicht richtig erklĂ€ren.“

Denn bislang war der Rentner behördlich nie aufgefallen, sagen Staatsanwaltschaft und Polizei bei der heutigen Pressekonferenz. Nach den Ermittlungen lagen weder schwierige finanzielle VerhĂ€ltnisse vor noch sonstige „problematischen“ LebensumstĂ€nde, sondern „geordnete VerhĂ€ltnisse“. Es gibt auch keine Hinweise auf eine schwere Erkrankung. Ebensowenig Hinweise auf einen Plan fĂŒr die Tat. Kein Abschiedsbrief, keine Andeutungen, keine Drohungen im Vorfeld. Es gab öfter Streit. Sonst nichts.

(von links) Alexander Schwarz, Leiter der Staatsanwaltschaft, Siegfried ??, Leiter der Kriminalpolizei Heidelberg, ?? Ermittlungsleiter

(von links) Alexander Schwarz, Leiter der Staatsanwaltschaft, Siegfried Kolmar, Leiter der Kriminalpolizei Heidelberg, Kriminalrat Marcus Winter, Ermittlungsleiter

Vielleicht gab es mehr Streit als sonst und in Filip N. hat sich etwas zusammengebraut.

Wir erfahren ĂŒber unsere Recherchen, dass es vor zwei Tagen ein kurzes Handgemenge zwischen Filip N. und dem 54-jĂ€hrigen Todesopfer im Treppenhaus gegeben haben soll.

Eine erste Gewalthandlung also. Aber unangezeigt. Kein Anlass, sich Sorgen zu machen. Filip N. hatte zuvor nur genörgelt oder angezeigt. Warum wurde er handgreiflich?

Seit 1979 besaß der frĂŒhere Arbeiter die Wohnung. Die Tatwaffe kaufte er 1992. Er besaß zudem eine kleinkalibrige Sportpistole sowie fĂŒnf Langwaffen. Sieben insgesamt. Alle legal. Alle auf ihn eingetragen. Zuletzt wurde die ordnungsgemĂ€ĂŸe Lagerung der Waffen vor zwei Jahren behördlich ĂŒberprĂŒft. Keine Beanstandungen.

Ob alle Waffen vorhanden sind oder vielleicht sogar noch mehr, ist noch unklar – die Polizei hat den Waffenschrank gesichert, aber bislang noch nicht geöffnet bekommen.

Filip N. war ein geĂŒbter SportschĂŒtze, der bis zuletzt trainierte und an Wettbewerben teilnahm. In mindestens zwei SportschĂŒtzenvereinen war er Mitglied. Sehr erfolgreich. Dutzende Pokale und Medaillen fand die Polizei in der Wohnung. Bis auf die nachbarschaftlichen Streitigkeiten war der Mann „unauffĂ€llig“.

Die Staatsanwaltschaft wird die Akten vermutlich bald schließen. Der Fall ist „klar“.

„Politische Antworten“ auf Fragen wie: „WofĂŒr brauchen SportschĂŒtzen großkalibrige Waffen“, wird keiner der Anwesenden beantworten. Vollkommen zu recht. Denn das ist eine politische Frage.

„Warum?“ werden sich die Hinterbliebenen fragen. Auf diese Frage wird es vermutlich keine Antwort geben. „Wie?“ Die Antwort ist klar. Der SportschĂŒtze Filip N. hat seine „Sport“waffe zum Killerinstrument gemacht. Die Überlebenden hatten GlĂŒck. Mehr nicht.

Die Medien (wir gehören auch dazu) berichten solange es einigermaßen „interessant“ ist. Dann ziehen sie weiter (wir nicht, wir sind von hier und berichten weiter). Ob Amoklauf, Mord – wie man das einordnet, ist fast egal und doch nicht. Man muss es einordnen, verstehen können.

Herr Kolmar sagt:

Der Fall ist sehr ungewöhnlich. Die typische Klientel in so einem Fall ist zwischen 20 und 40 Jahre alt, mÀnnlich.

Filip N. war kein typischer Fall. 71 Jahre alt. UnauffĂ€llig. SportschĂŒtze. Aber im Stress.

War er ein AmoklĂ€ufer? DafĂŒr spricht wenig. Er hatte vielleicht einfach nur die Schnauze voll. Und er hatte ein Waffe. Vielleicht hatte er auf alles einfach „keinen Bock“ mehr und einen „erweiterten Suizid“ begangen. Zum ersten Mal in seinem Leben auffĂ€llig.

BĂŒrgermeister Lorenz, VereinsprĂ€sident Ortlipp und weitere Personen in Dossenheim machen sich Gedanken, wie der Ort darĂŒber hinwegkommt. Über diese schreckliche Bluttat, die so ĂŒberhaupt nicht nach Dossenheim passt. VerĂŒbt von einem Rentner. In einer VereinsgaststĂ€tte. An einem Dienstagabend. Wie geht man damit um? Was muss man tun, damit das Leben wieder im Ort so einfach wie immer sein kann?

Es war so ein schöner Tag. Und er endete schrecklich.

Drei Tote. FĂŒnf Schwerverletzte. Geschockte Menschen. Trauernde Angehörige.

Wegen eines Streits um eine Nebenkostenabrechnung?

Kein Wunder, dass die Menschen fassungslos sind.

 

Hinter den TĂŒren hat sich Filip N. selbst erschossen, nachdem er zwei Menschen getötet und es bei fĂŒnf weiteren versucht hat.

Hinter den TĂŒren hat sich Filip N. selbst erschossen, nachdem er zwei Menschen getötet und es bei fĂŒnf weitere versucht hat zu töten. Die Verwundeten sind mittlerweile außer Lebensgefahr.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.