Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Das Kreuz mit dem Kreuz

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stimmen

Rhein-Neckar, 16. September 2013. NĂ€chsten Sonntag ist Bundestagswahl und wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Gabi macht sich darĂŒber so ihre eigenen Gedanken. Und auch, wenn sie schon weiß, wo sie ihre Kreuze machen wird, ist sie damit nicht wirklich zufrieden.

musterstimmzettel_Btw2013Wissen Sie schon, wen bzw. was Sie wĂ€hlen? Ich weiß es, aber ich bin alles andere als glĂŒcklich darĂŒber. Die Entscheidung ist wie die zwischen Pest und Cholera. Wenn ich meine Kreuzchen machen werde, mache ich es nicht aus Überzeugung, sondern weil ich die anderen NICHT wĂ€hlen kann aus Überzeugung.

Die Parteien in der Mitte sind ohne Profil und angefĂŒhrt von Menschen ohne Charisma. Wie schön war es noch als es Politiker wie Strauß gab, da konnte man sich aufregen und wĂŒten, da konnte man Position beziehen. Jetzt wĂ€hlt man zwischen langweilig und unsympathisch.

Vorbei die Zeiten der dramatischen Gesten und Anekdoten: Brandts Kniefall oder der junge Schroeder, der angeblich als junger Mann vor den Toren des Bundeskanzleramtes – im betrunkenen Zustand – an den Toren rĂŒttelte und rief, „ich will hier rein“.

Heute gibt es nur noch Aufreger, wenn SteinbrĂŒck den Stinkefinger zeigt. Von den Medien und der Opposition vollkommen ĂŒberbewertet, aber wer mag’s ihnen verdenken, wo der Wahlkampf sonst wenig Persönliches bietet.

Das Kreuz der ErstwÀhler

Mein Sohn gehört zu den ErstwĂ€hlern, was wird seine Wahl entscheiden? „Die Merkel kann ich nicht wĂ€hlen“, erklĂ€rt seine Freundin, „denn sie ist gegen die Adoption bei homosexuellen Paaren“ und sie habe schließlich schwule Freunde. Ein anderer JungwĂ€hler meinte, „Deutschland geht es doch richtig gut, warum sollte ich dann die Opposition wĂ€hlen?“

Ist es der Wahlkampf der Nischen? Entscheiden Tierschutz, Homoehe oder KopftĂŒcher ĂŒber die nĂ€chste Regierung?

Auch eine meiner Kolleginnen ist ErstwĂ€hlerin, sie ist EnglĂ€nderin und lebt seit fast 40 Jahren in Deutschland. All die Jahre durfte sie ihre Stimme nicht abgeben, doch vor zwei Jahren hat sie sich einbĂŒrgern lassen und ist jetzt ganz verzweifelt. In all den vergangenen Jahren habe sie immer gewusst, wen sie wĂ€hlen wĂŒrde, doch jetzt „ich weiß es wirklich nicht“.

Richtig links oder doch lieber „liberal“

„Ich glaub‘, ich wĂ€hle in diesem Jahr links und zwar richtig links“, erklĂ€rte eine Freundin beim MĂ€delsabend und erntete entsetzte Blicke. „Bei den Wahlplakaten weiß ich wenigstens, wofĂŒr sie stehen, alle anderen dreschen doch nur hohle Phrasen.“

Die Angst vor Rot-Rot-GrĂŒn wird die konservativen WĂ€hler bestĂ€rken, der schon tot geglaubten FDP möglicherweise nochmals eine Gnadenzeit zu gewĂ€hren (nicht in Bayern), denn letztlich möchte man den „Liberalen“, den schlechten Erben der großen Politiker wie Genscher und Co., nicht den Todesstoß erteilen.

Wir hier im SĂŒden, im LĂ€ndle, waren vor drei Jahren bei den Landtagswahlen noch mutig nach vorne geprescht und hatten der „schwarzen“ Regierung nach Jahrzehnten eine Absage erteilt und einer grĂŒn-roten Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Doch die ErnĂŒchterung ist groß, der Stuttgarter Bahnhof wird gebaut und eine ĂŒbereilte Schulreform sorgt fĂŒr unausgegorene Schulformen wie Gemeinschaftsschulen und Lehrerabbau. Da hilft auch nicht, wenn man den Landesvater grundsĂ€tzlich sympathisch findet.

Der Wahlausgang wird demnach wohl auch höchst unspannend. Alles wird bleiben wie es ist. Es sei denn, die FDP wird die 5-Prozent-HĂŒrde nicht nehmen, dann wird eine große Koalition wahrscheinlich, aber ist das die bessere Alternative?

Ich weiß, wo ich am Sonntag eine Kreuzchen machen werde, aber ĂŒberzeugt bin ich nicht davon.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.