Donnerstag, 21. September 2017

Selbstbehauptungstraining für Frauen bei der Polizei Mannheim

„Ihr müsst zur Furie werden“

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Eine Teilnehmerin wehrt sich erfolgreich gegen den Angriff von Polizeihauptmeister Jürgen Riegler.

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 27. Januar 2014. (red/ld) Bei Polizeihauptmeister Jürgen Riegler und Polizeiobermeisterin Nina Pfeffer werden Frauen zu Furien. Ganz absichtlich und vollkommen zu recht. Denn sie lernen, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren. Seit vergangener Woche geben die beiden Beamte und Kollegen Selbstbehauptungskurse im Polizeipräsidium Mannheim. Binnen kurzer Zeit seien alle Termine überbucht gewesen, sagt Polizeipressesprecher Norbert Schätzle. Man plane weitere Kurse anzubieten. Unsere Volontärin Lydia Dartsch hat den Selbstversuch in Selbstbehauptung gemacht.

Von Lydia Dartsch

„Lassen Sie mich in Ruhe! Verpiss Dich!“ Natalia schreit, schlägt mit den Armen auf Jürgen Riegler ein. Sie tritt gegen Schienbeine und in den Unterleib. Dann pfeift Polizeiobermeisterin Nina Pfeffer ab. Der Angriff ist vorbei. Natalia hat sich verteidigt.

Polizeihauptmeister Riegler spielt den Angreifer und trägt Vollschutz, um nicht verletzt zu werden. Er ist mit seiner Größe von 1,87 Meter sehr eindrucksvoll. Sie könne gar nicht zuschlagen, hatte Natalia noch wenige Stunden zuvor gesagt. Sie kann es doch. Sie, ich und die 16 anderen Frauen zwischen 19 und 60 Jahren haben uns von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Und wir sind überrascht.

Selbstbehauptung fängt im Kopf an

Mannheim-Selbstbehauptung Frauen-Polizei Mannheim-002-20140125Am Anfang sitzen wir alle in einem Stuhlkreis und reden: Wir sind 18 Frauen mit unterschiedlichen, aber auch ähnlichen Motivationen. Lilia ist mit 60 Jahren die älteste Teilnehmerin. Lisa mit 19 Jahren die jüngste. Sie sei abends öfter in der Mannheimer Innenstadt unterwegs und hoffe, dass sie sich nach dem Kurs wehren kann und sicherer fühle. Das wolle auch ihre Schwester, die abends – meist alleine – in einer Kneipe arbeite.

Die 45-jährige Manuela sagt, sie arbeite bei einer Firma am Empfang. Alleine. In bedrohlichen Situationen Schutz suchen könne sie nicht. Einen Notknopf gebe es nicht und der Werksschutz befände sich auf der anderen Seite des Werksgeländes. Bis dieser vor Ort sei, dauerte es zu lange. Die 30-jährige Jana fühlt sich seit den Überfällen auf drei Frauen und dem Mord an Gabriele Z. nicht mehr sicher. Auch die Innenstadtbewohnerinnen Lorena und Ronja sagen:

Die Situation in der Mannheimer Innenstadt hat sich in eine nicht erfreuliche Richtung entwickelt.

Ganz ehrlich? Ich kenne als Journalistin die Statistik. Wir haben hier darüber berichtet. Es gibt keine Steigerung der sexuell-motivierten Überfälle auf Frauen. Aber mein Bauchgefühl ist trotzdem mulmiger geworden. In letzter Zeit, wenn ich abends durch die Neckarstadt nach Hause gehe. Und das, obwohl ich rein äußerlich nicht ein typisches Opferbild darstelle. Ich bin 1,87 Meter groß. Aber ich bin wie die anderen auch eine Frau. Gewalt und Schlagen habe ich nicht nur nicht gelernt, sondern geradezu aberzogen bekommen.

Die eigene Angst ist der größte Gegner

Ich bin eine von vielen Frauen, die von einem unsicheren Gefühl selbst in den Mannheimer Vororten berichten. Eine Teilnehmerin kommt aus Laudenbach und fühlt sich dort ebenfalls nicht sicher.

Die Polizei hat immer noch keine konkrete Spur. Diese beiden Männer sollen vor gut zwei Wochen insgesamt drei junge Frauen angegriffen haben. Foto: Polizeipräsidium Mannheim

Die Polizei hat immer noch keine konkrete Spur. Diese beiden Männer sollen vor gut zwei Wochen insgesamt drei junge Frauen angegriffen haben. Foto: Polizeipräsidium Mannheim

Jürgen Riegler beruhigt zunächst mit dem, was ich beruflich schon weiß: Statistik. Weniger als ein Prozent aller Straftaten sind sexuell motiviert. In 60 Prozent aller Fälle lassen die Täter bereits nach einer verbalen Gegenwehr von ihrem Vorhaben ab. Von denen, die trotzdem weiter machen, lassen 80 Prozent ab, sobald man sich körperlich zur Wehr setzt. Und selbst in den übrigen Fällen sei eines besonders wichtig, sagen er und seine Kollegin Nina Pfeffer im Laufe des Kurses immer wieder:

Wehren lohnt sich: Wer sich wehrt, kann verlieren. Wer sich nicht wehrt, hat schon verloren.

Die eigene Angst sei dabei der größte Gegner, sagen die beiden Polizisten: Ein Täter suche ein Opfer. Nimmt man diese Rolle für sich an, wird man „interessant“ für die Täter. Nimmt man sie nicht an, ist das schon die erste Abwehr, sagen Herr Riegler und Frau Pfeffer.

Wer aufrecht – Brust raus, Bauch rein – durch die Straßen geht, den Blickkontakt zu seinen Mitmenschen sucht, anstatt sich klein zu machen, wirke viel präsenter und auch aufmerksamer, erklären die Polizisten. Angst haben sieht anders aus.

Nein! ist ein ganzer Aussagesatz

Böse Blicke sind eine gute Abwehr.

Böse Blicke sind eine gute Abwehr.

Kurz und knapp klar machen, wenn man etwas nicht will, ist der nächste Tipp der beiden. Männer – sagt Jürgen Riegler – verstehen meist nur die ersten drei Worte. Diplomatische Abfuhren, abwehrende Zeichen wirken oft nicht. Wenn man kein Interesse an dem Mann hat, der einen gerade in der Bar anbaggert, sollte man einfach sagen: „Lass mich in Ruhe!“ In den meisten Fällen werde er sich eine andere Frau zum „Flirten“ suchen, anstatt ein Gespräch mit ihr anzufangen.

In dem Fall, in dem er nach einem Nein nicht das Weite sucht, hilft es, Öffentlichkeit herzustellen: Beispielsweise in dem man laut sagt, dass der Gegenüber einen in Ruhe lassen soll, oder auch in dem man umstehende Personen damit beauftragt, zu helfen oder – im Fall der Fälle – die Polizei zu rufen. Für Umstehende muss dabei klar sein, dass man mit der anderen Person nichts zu tun hat. Wer beispielsweise im voll besetzten Bus eine Hand auf seinem Po fühlt, sagt Herr Riegler, sollte sich zu dem vermeintlichen Grabscher umdrehen, ihm ins Gesicht schauen und für alle anderen Fahrgäste hörbar sagen:

Nehmen Sie bitte Ihre Hand von meinem Hintern!

Der Grabscher merke, dass er mit seinem Verhalten nicht durchkommt, sagt Herr Riegler.

Doch das ist einfacher gesagt, als getan. Wird man Opfer solcher Übergriffe wisse man meist nicht, was man sagen, wie man sich verhalten soll. Eine der Frauen im Kreis berichtet von einem Übergriff, den sie einmal in einer Diskothek erlebt hatte: Sie habe eine Hand zwischen ihren Beinen gespürt, sich umgedreht und hinter sich drei muskulöse Männer gesehen. Der Abend sei an diesem Punkt für sie gelaufen gewesen, sagt sie und sie habe sich von ihren Freunden zu ihrem Auto bringen lassen, um den dreien nicht wieder zu begegnen.

„Was ich mir vorstellen kann, das kann ich umsetzen“

Um sich schnell wehren zu können, müsse man sich zuerst damit beschäftigen, was passieren kann und wie man auf die Situation reagiert. Das minimiere die sogenannte „Schrecksekunde“, in der all das zu lange dauere.

In den ersten vier Stunden des Kurses sprechen wir hauptsächlich. Wie kann man sich wehren? Wie darf man sich wehren? Wie weit darf man im Fall der Fälle gehen? Die Frauen fragen, ab wann man sich wehren darf. Wir sprechen darüber, was wehtut, wo man hintreten kann. Es geht darum, seine Chancen einzuschätzen und sich nicht auszupowern: Irgendwann ergebe sich die Chance, die man dann nutzen muss.

„Entdeckt die Furie in Euch“

Auch Waffen werden angesprochen: Messer, Pfefferspray, Schlagstock und auch eine Schreckschusspistole ohne Munition, die die Polizisten mitgebracht haben, werden herumgereicht, angeschaut, ausprobiert. So wirksam sie sein können, ist ihnen ein Problem gemein: Man muss sie ziehen, um sie zu benutzen und jede Waffe kann gegen einen selbst gerichtet werden.

Nach gut vier Stunden Darüber-reden wird es ernst. Wir sollen abwechselnd gegen Polster – sogenannte Bratzen – schlagen, boxen, treten und dabei einen der beiden Polizisten anschreien. „Zur Furie werden“, nennt Jürgen Riegler das. Viele Reize auf einmal setzen: Frauen könnten das besonders gut. Männer dagegen könnten so etwas nur schwer verarbeiten. Das verschaffe einem meist schon genug Zeit, Hilfe zu holen. Ist keine in der Nähe, gehe es so lange weiter, bis der Angreifer ablässt.

Eine Schrecksekunde bleibt

Wie anstrengend das sein kann, sehen wir, als uns die beiden Polizisten nacheinander angreifen. Zwar wissen wir „theoretisch“ nach der Einführung, wohin wir treten und schlagen müssen. 15 Sekunden dauert das. In „Action“ ist das eine unglaublich lange Zeit. Nur mit sehr viel Anstrengung kann ich die letzten beiden Tritte ausführen. Ausgepowert – obwohl ich eigentlich viel Sport mache.

Realitätsnahes Selbstbehauptungstraining.

Realitätsnahes Selbstbehauptungstraining.

Zum Abschluss geht es richtig zur Sache. Jürgen Riegler trägt einen Vollschutz, um nicht verletzt zu werden. Denn wir Frauen werden jetzt endgültig zu Furien: Eine nach der anderen greift er an und die Frauen wissen sich zu wehren. Ein bisschen Überraschung ist dennoch geblieben, als uns der Polizist von hinten packt: Schrecksekunde lass nach und dann gehts los.

Nach sechs Stunden sind wir Teilnehmerinnen sehr überrascht von uns selbst. Wir wissen jetzt, wie wir uns wehren können und vor allem, dass wir es können – auch Lilia hat eine neue Seite an sich entdeckt. Sie ist nicht so hilflos, wie sie bisher gedacht hatte. Ihre Tochter Natalia sagt:

Ich hätte nie gedacht, dass ich so ausrasten könnte.

Seit den 1990er Jahren gibt Polizeihauptmeister Jürgen Riegler bereits Selbstbehauptungskurse für Frauen in Heidelberg. In Mannheim begannen die ersten Kurse in der vergangenen Woche. Bereits kurz nach der Ankündigung waren die sechs Kurstermine ausgebucht. Die Polizei Mannheim kündigte daraufhin auf ihrer Internetseite an, bald, weitere Termine anzubieten.

Die Kurse dauern sechs Stunden und sind für die Teilnehmerinnen kostenlos. Eine spezielle Fitness oder Kleidung ist nicht notwendig. Weitere Informationen, Termine und die Anmeldung gibt es auf der Homepage der Polizei Mannheim.

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Selbstbehauptung fängt im Kopf an. Zuerst geht es in der Gesprächsrunde darum, Fragen zu klären, Ängste abzubauen und sich vorzustellen, was alles möglich ist.

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Auch Waffen sind ein Thema im Kurs: Was ist erlaubt? Was ist verboten? Was macht ihren Einsatz gefährlich?

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Nina Pfeffer und Jürgen Riegler spielen verschiedene Angriffszenarien durch.

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Böse schauen und den Angreifer immer Blick behalten.

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Wehren lohnt sich in jedem Alter. In 80 Prozent der Fälle lassen Täter von ihrem Opfer ab, wenn es sich körperlich zur Wehr setzt.

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Mal richtig aus sich rausgehen, machte den Teilnehmerinnen Spaß. Die beiden Kursleiter zeigten sich erfreut über den Einsatz der Frauen.

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Schrecksekunde: Die ist auch da, obwohl man vorbereitet ist, aber nur noch sehr kurz.

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Die Teilnehmerin befreit sich aus dem Griff, wird sprichwörtlich zur Furie.

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Auch wenn man sich mal nicht wehren kann gilt: Es geht immer weiter. Die Chance sich zu befreien, ergibt sich und dann muss man sie nutzen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.