Samstag, 18. November 2017

Bürgermeister Hans Lorenz über Bürgerbeteiligung und den Doppelmord vor einem Jahr

Ich tue mir schwer mir der Bezeichnung “Amoklauf”

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Dossenheim, 04. September 2014. (red/pro) Der Doppelmord vom August vergangenen Jahres hätte ein Streitschlichter nicht verhindern können, sagt Bürgermeister Hans Lorenz im Interview. Für ein friedlicheres Zusammenleben in der Gemeinde gibt es seit drei Jahren die Zukunftswerkstatt. Sie ist nicht nur Bürgerbeteiligung, sondern auch Begegnungsort für Alteingesessene Dossenheimer und Neubürger.

Bürgermeister Hans Lorenz im Interview.

„Die Zukunftswerkstatt kann nichts entscheiden. Der Gemeinderat beruft sich aber immer wieder auf ihre Ergebnisse.“ Bürgermeister Hans Lorenz im Interview.

Interview: Hardy Prothmann

In Dossenheim gibt es seit 2011 eine Zukunftswerkstatt – was ist das?

Hans Lorenz: Hier kommen die Bürger mit den Politikern und der Verwaltung zusammen, um gemeinsam zu diskutieren und Ziele für die Zukunft zu formulieren. Wichtig ist, dass dabei niemand eine übergeordnete Stellung einnimmt, sondern dass ein Dialog auf Augenhöhe stattfinden kann.

Die Bürgerbeteiligung hat sich verändert. Gemeinderatssitzungen haben kaum noch Zuhörer.

Nur wenige Zuhörer kommen noch zu Gemeinderatssitzungen.

Die meisten Gemeinden im Umkreis haben so etwas nicht. Warum gibt es in Dossenheim Bedarf dafür?

Lorenz: Die Bürgerbeteiligung hat sich verändert. Das Interesse an der Politik ist gesunken. Als ich 1980 in den Gemeinderat gekommen bin, waren noch 100 Bürger im Saal. Heute ist meistens nur noch dann Besuch da, wenn es um Themen geht, die die Leute direkt betreffen. Der Haushaltsplan ist zwar das wichtigste, aber da sind kaum Zuschauer anwesend.

Wie kamen Sie dann auf eine Zukunftswerkstatt?

Lorenz: Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, wie man die Beteiligung am Ortsgeschehen attraktiver machen kann. Das ist sehr problematisch: Bürger dürfen bei den Beratungen im Gemeinderat nicht mitreden. Sie könnnen nur in der Fragestunde, zu Beginn jeder Sitzung, ihre Meinung los werden. Um die Bürger stärker einzubinden haben wir die Zukunftswerkstatt ins Leben gerufen.

„Am Anfang gab es noch Unsicherheit“

Und hat sich die Bürgerbeteiligung dadurch verbessert?

Lorenz: Ja, wir können sehr zufrieden sein. Es haben sich viele beteiligt und es wurden gute Ergebnisse erzielt.

Was kann die Zukunftswerkstatt zum Beispiel erreichen? 

Lorenz: Sie kann nichts entscheiden. Die Teilnehmer sind ja keine gewählten Vertreter. Stattdessen werden Arbeitskreise gebildet, die ein bestimmtes Thema behandeln. Die Ideen und Anregungen werden gesammelt und festgehalten. Es liegt dann am Gemeinderat, diese Anregungen, in die Entscheidungsfindungen einzubauen – und das hat schon einige Male sehr gut funktioniert: Das aktuelle Leitbild unserer Gemeinde wurde zum Beispiel in der Zukunftswerkstatt ausgearbeitet und anschließend ohne bedeutende Änderung vom Gemeinderat verabschiedet.

"Ich war überrascht, dass das Thema Kinderbetreuung nicht angesprochen wurde."

„Ich war überrascht, dass das Thema Kinderbetreuung nicht angesprochen wurde.“

Sind alle Fraktionen im Gemeinderat offen, sich mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen?

Lorenz: Am Anfang gab es noch Unsicherheit, wie mit den Ergebnissen umgegangen wird oder umgegangen werden sollte. Aber in den vergangenen Jahren haben alle Fraktionen immer wieder darauf Bezug genommen, was in der Zukunftswerkstatt erarbeitet worden ist. Alle Fraktionen haben in den Arbeitskreisen immer wieder Präsenz gezeigt. Natürlich kam es dennoch vor, dass die Gemeinderäte innerhalb ihrer Fraktion zu anderen Ansichten oder Einschätzungen gekommen sind – aber das wurde dann auch begründet.

Gibt es Ergebnisse aus den Arbeitskreisen, die Sie richtig überrascht haben. Etwas, wovon Sie sagen würden, dass sie niemals damit gerechnet hätten?

Lorenz: Es gibt immer wieder interessante Blickwinkel oder Ansichten, die neu sind. Probleme, die aus der Verwaltung vielleicht niemand erkannt hätte, werden hier beachtet. Aber was mich vor allem überrascht hat, war, dass manche Themen nicht angesprochen wurden. Die Kinderbetreuung zum Beispiel. Da habe ich irgendwann auch nachgefragt, warum das niemand diskutiert – und erfreulicherweise haben die Leute geantwortet, dass die Kinderbetreuung in Dossenheim so gelöst ist, dass niemand Handlungsbedarf sieht.

„Viele sind jetzt richtig in der Gemeinde angekommen“

Was für Leute besuchen denn die Zukunftswerkstatt? Vermutlich eher engagierte Leute, die man schon aus dem Rathaus kennt, oder? Leute, die auch mal die Gemeinderatsitzungen besuchen und da Fragen stellen.

Lorenz: Natürlich sind bekannte Gesichter dabei. Aber sehr viele habe ich dort auch zum ersten Mal gesehen: Es gab erstaunlich viele Neubürger – bei ihnen hatte ich den Eindruck, dass sie jetzt richtig in der Gemeinde angekommen sind. Vor drei Jahren haben sich rund 400 Bürger/innen beteiligt. Bis man so viele Menschen mit Gemeinderatsitzungen erreicht, vergeht sehr viel Zeit.

Was machen Sie eigentlich, wenn die Zukunftswerkstatt zusammenkommt?

Lorenz: Auch wenn es am Anfang sehr ungewöhnlich für mich war, habe ich mich sehr zurückgehalten und kaum mitgeredet. Weil es nicht gut wäre, wenn der Eindruck entsteht, man wolle nur seine eigenen Ziele umsetzen. Deswegen gab es auch die Anweisung an die Verwaltung, sich nicht einzumischen.

Warum waren Sie und die Verwaltung dann überhaupt dabei?

Lorenz: In den meisten Fällen haben wir einen Informationsvorsprung und kennen mehr Details zu den jeweiligen Themen. Wir haben aber nur dann geredet, wenn jemand eine Nachfrage hatte. Etwa zum Verkehrsrecht. Außerdem durften wir aus erster Hand erfahren, was unsere Bürger zu sagen haben.

Wenn sich besonders viele Bürger beteiligen sollen, besteht dann nicht auch immer die Gefahr, dass kleine radikale Gruppen, die ihre Meinung besonders laut vertreten, zu viel Gehör finden?

Lorenz: Ich glaube das relativiert sich dadurch, dass eben nicht abgestimmt wird und dann ein Vorschlag an den Gemeinderat geht, über den dieser so abzustimmen hat. Es ist grundsätzlich gut, ein möglichst breites Spektrum zu sehen. Jeder kann und soll seine Argumente einbringen – aber die werden dann eben den anderen gegenüber gestellt und am Ende überwiegen hoffentlich die sinnvollen. Und meistens kommt man zu Einigungen. Das Projekt ist ein großer Erfolg: Nicht nur die Beteiligung hat sich verbessert, die Bürger sind auch näher zusammengekommen.

„In der Großstadt ist es unüblich, sich zu grüßen“

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Lorenz: Einmal hat sich ein alt eingesessener Dossenheimer darüber beschwert, dass die Neubürger so unfreundlich wären. Er hat von seinem Acker erzählt, in der Nähe eines Neubaugebiets. Dort hätten die Neubürger gesessen und kein einziges Mal habe man ihn gegrüßt, wenn er vorbeigelaufen ist. Eine zugezogene Anwohnerin erklärte, dass sie aus einer Großstadt komme und es dort nicht üblich sei, sich zu grüßen. Sie empfand es aber als einleuchtend, dass man in Dossenheim etwas freundlicher und familiärer miteinander leben kann.

Und hat sie dann auch gegrüßt?

Lorenz: Zwei Monate später waren wieder beide da. Als ich sie fragte, ob sich etwas verbessert habe, sagte der „Alt-Dossenheimer“: „Als ich letztens am Neubaugebiet vorbeigelaufen bin, hat man mich nicht nur begrüßt, sondern gleich auf einen Kaffee eingeladen.“ Das ist nur ein Beispiel, wie Probleme gelöst und Kontaktängste aus der Welt geräumt werden konnten. Es saßen auch schon ein 60-jähriger und ein 18-jähriger nebeneinander, die angeregt diskutiert haben. Woanders erlebe ich so etwas selten – dabei ist der Austausch zwischen Jung und Alt sehr wichtig.

Wie hoch sind die Kosten für das Projekt? Ist das Ergebnis die Ausgaben wert?

Lorenz: Die genaue Abrechnung ist mir nicht bekannt. Aber es bewegt sich im niedrigen fünfstelligen Bereich. Die höchsten Kosten entstanden, um das Projekt zu initialisieren. Die Kosten, um die Zukunftswerkstatt am Laufen zu halten, sind überschaubar. Ein paar tausend Euro im Jahr, die helfen, Dossenheim zu einer friedlichen Gemeinde zu machen, in der sich jeder wohl fühlen kann.

„Ich tue mir schwer mir der Bezeichnung „Amoklauf““

Vor gut einem Jahr war ein Streit eskaliert. Drei Menschen starben. Fünf weitere wurden verletzt.

Vor gut einem Jahr war ein Streit eskaliert. Drei Menschen starben. Fünf weitere wurden verletzt.

Eben dieses Bild hat im vergangenen August starken Schaden genommen, als es zu einem erschütternden Ereignis gekommen ist: Ein Mann hat bei einem Amoklauf zwei Menschen erschossen und fünf weitere schwer verletzt. Hätte die Gemeinde das irgendwie verhindern können?

Lorenz: Das glaube ich nicht. Der „Grund“ für diese entsetzliche Tat war scheinbar, dass der Mann unzufrieden mit seiner Nebenkostenabrechnung gewesen ist. Es hat sich nicht um eine Summe gehandelt, die ihn in den Ruin getrieben hätte. Solche Beweggründe sind für einen normal denkenden Menschen nicht nachvollziehbar. Der Täter hat sich ja offenbar Anwälte gesucht und die Rechtslage einfach nicht akzeptieren können. Daher denke ich nicht, dass es irgendetwas genützt hätte, wenn man ihn darauf hingewiesen hätte, dass die Gemeinde Mediatoren zur Konfliktschlichtung bezahlt oder bezuschusst. Und noch etwas: Ich tue mich schwer mir der Bezeichnung „Amoklauf“.

Weswegen? War es das denn nicht?

Lorenz: Der Täter hat ja nicht willenlos und willkürlich auf irgendwelche Leute geschossen. Im Grunde genommen war es ein Mord – der Täter hat sich seine Opfer gezielt und bewusst ausgesucht. Ich habe mit den meisten Opfern geredet. Sie sind allesamt Menschen gewesen, die in der Hausgemeinschaft mit dem Täter aneinander geraten sind.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.