Dienstag, 19. September 2017

Schnelles Internet ist einer der wichtigsten Standortfaktoren f√ľr die Wirtschaft

Standortfaktor: Datenautobahn

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Rhein-Neckar, 10. Oktober 2014. (red/ms) Die Datenautobahnen Deutschlands sind¬†eine riesengro√üe Baustelle: Vielerorts ausbauf√§hig und gerade in l√§ndlichen Gegenden oft¬†in einem katastrophalen Zustand. Langsame Internetverbindungen¬†drosseln den Datenverkehr und bremsen die Wirtschaft aus – oft mit schwerwiegenden Folgen. Denn f√ľr viele Betriebe¬†ist das Internet inzwischen mindestens genauso wichtig wie gute Stra√üen. Doch die Politik hat das lange Zeit verschlafen: Wegen mangelhafter Anschl√ľsse¬†erleiden derzeit fast zwei Drittel der Unternehmen in Baden-W√ľrttemberg Produktivit√§tsverluste und Wettbewerbsnachteile. Mehr als 15 Prozent denken deswegen sogar √ľber einen Standortwechsel nach.

Von Minh Schredle

Das Internet ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Nicht aus dem privaten und noch viel weniger aus dem beruflichen. Laut einer Studie von ARD und ZDF benutzen zwei Drittel der Deutschen das Internet t√§glich – und zwar¬†im Durchschnitt f√ľr 166 Minuten.

Einen sogar noch gr√∂√üeren Stellenwert nimmt das Internet allerdings in der Wirtschaft ein.¬†F√ľr viele Unternehmen ist es als Standortfaktor sogar ebenso bedeutend wie Gewerbefl√§chen oder die Infrastruktur des Verkehrs – und dennoch ist seitens der Politik bislang wenig geschehen, um den Anspr√ľchen der Betriebe gerecht zu werden.

Deutschland nur EU-Mittelmaß

Die „kritische Grenze“ bei der Internet-Geschwindigkeit f√ľr wirtschaftliche Nutzung wird von Experten derzeit auf 25 MBit/sec gesch√§tzt¬†– hierzulande haben nach Angaben des Statistischen Bundesamts allerdings¬†gerade Mal¬†ein Viertel der Unternehmen Zugang zu Internet mit dieser oder einer h√∂heren Geschwindigkeit. Damit liegt Deutschland nur knapp √ľber dem EU-Durchschnitt (20 Prozent).¬†Spitzenreiter ist D√§nemark mit 44 Prozent, gefolgt von Belgien und den Niederlanden mit jeweils 41 Prozent.

 

Anschl√ľsse mit 100 MBits/s. Foto: Kabel Deutschland

Ein „lokaler Vermittlungsknoten“.¬†Foto: Kabel Deutschland

 

Auch Baden-W√ľrttemberg ist im bundesweiten Vergleich gerade mal Durchschnitt. Und das ist lange nicht gut genug, um den Anspr√ľchen moderner Unternehmen langfristig gerecht zu werden. Im Januar diesen Jahres¬†wurde der Landesregierung eine Studie vorgestellt, in der der Bedarf von Hochgeschwindigkeitsinternet in der Wirtschaft analysiert wurde.¬†Die Ergebnisse sind alarmierend.

65 Prozent der Unternehmen unzufrieden

Von 1.378 befragten Unternehmen benutzen 99 Prozent das Internet – aber nur etwa 35 Prozent sind¬†auch zufrieden mit der Daten-Geschwindigkeit, die ihnen zur Verf√ľgung steht. Fast zwei Drittel erleiden Einbu√üen wegen Produktivit√§tsverlusten und Wettbewerbsnachteilen. 15,6 Prozent ziehen deswegen sogar einen Standortwechsel in Betracht – 2,5 Prozent haben ihn schon verlegt.

Man will sich gar nicht ausmalen, welche fatalen Konsequenzen es f√ľr die Wirtschaft haben w√ľrde, wenn man ein knappes¬†Sechstel der Unternehmen vertreiben w√ľrde. Es besteht also Handlungsbedarf. Und zwar dringend.¬†Denn diverse Prognosen sagen voraus, dass der Bedarf weiterhin rapide steigen wird.

Bedarf wird sich bis 2018 verdreifachen

Laut der Studie l√§ge der durchschnittliche Bedarf, um nicht durch zu langsames Internet eingeschr√§nkt zu werden, bei knapp 54 MBit/sec. Bis 2018 soll dieser Bedarf auf 169 MBit/sec steigen.¬†Baden-W√ľrttemberg ist momentan meilenweit davon entfernt diesen Anspr√ľchen gerecht zu werden – aktuell verf√ľgt die H√§lfte der Unternehmen gerade mal √ľber 6¬†MBit/sec.

Dr. Iris Gebauer ist die Projektleiterin der Studie. Sie betont:

Der hohe Bedarf wird zunehmend branchenunabhängiger.

Es seien¬†nicht allein die IT-Unternehmen und Betriebe der Kreativwirtschaft, die den Durchschnitt nach obenhin „verzerren“ – also durch einen h√∂heren Verbrauch statistisch aufbl√§hen. Auch Kleinst- und Kleinunternehmen von „der Schreinerei bis hin zur KFZ-Werkstatt“ sind mittlerweile auf ein schnelles und zuverl√§ssiges Internet angewiesen, um konkurrenzf√§hig zu bleiben.

Langsames Internet abschreckend f√ľr Investoren

„Kunden erwarten inzwischen eine Online-Pr√§senz“, sagt Frau Gebauer. Stand 2013 hatten laut Angaben des Statistischen Bundesamts zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland eine eigene Website.¬†Die Expertin h√§lt es zwar f√ľr „relativ unwahrscheinlich“, dass die Konzerne alle auf einmal reihenweise abwandern, wenn nicht sofort etwas getan wird, da viele davon „an ihren Standort gebunden sind“.

Allerdings sollte man es sich „besser nicht mit ihnen verscherzen“, indem man sie zu lange warten l√§sst. Und man¬†d√ľrfe auf keinen Fall vernachl√§ssigen, wie „abschreckend langsames Internet f√ľr potenzielle neue Investoren ist“.

Metropolregion im Verhältnis gut

Gemessen am niedrigen Standard steht die Metropolregion Rhein-Neckar verh√§ltnism√§√üig gut da: „Nur“ etwa¬†20 Prozent der Unternehmen sind unzufrieden. Das ergab eine Befragung der Industrie- und Handelskammer¬†Rhein-Neckar (IHK), an der 570 Unternehmen teilnahmen.

In in einem Bericht von Die Welt aus dem Juli diesen Jahres heißt es sogar, Mannheim sei derzeit Spitzenreiter, was die durchschnittliche Daten-Geschwindigkeit in Gr0ßstädten angeht. Doch gibt es innerhalb der Region sehr große Unterschiede. Tendenziell gilt: Je mehr Einwohner, desto besser die Verbindung.

Ländlicher Bereich vernachlässigt

Das liegt daran, dass der Ausbau der Netze bislang nicht von der Politik, sondern vor allem von Großunternehmen vorangetrieben wurde, hauptsächlich der Telekom und KabelBW, beziehungsweise Unitymedia.Während die Versorgung in Städten meist zufriedenstellend ist, wurden ländliche Gegenden stark vernachlässigt.

Da die Bevölkerungszahl und -dichte nicht so groß ist, erscheint der Ausbau hier nicht wirtschaftlich genug. Aktuell sind Glasfaserkabel der modernste Stand der Technik Рdoch der Ausbau kostet schon in einer kleinen Gemeinde meist mehrere Millionen Euro.

Politik muss regulieren

Wenn der Markt versagt, muss die Initiative von der Politik kommen. Doch¬†viele Gemeinden und Kommunen k√∂nnten sich die Aufr√ľstung aus eigener Kraft nicht leisten. Die Landesregierung bezuschusst den Ausbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen auf Kreisebene.

 

Ein abgemanteltes Kabel mit vier Glasfasern. Foto: Kabel Deutschland

Ein abgemanteltes Kabel mit vier Fasern. Foto: Kabel Deutschland

 

Deswegen gr√ľndete¬†der Rhein-Neckar-Kreis den Zweckverband High-Speed-Netz Rhein-Neckar, der es „sich zum Ziel gesetzt hat, den fl√§chendeckenden Ausbau von Breitband-Internet mit Glasfaserkabeln in der Region voranzutreiben“. Die Kosten hierf√ľr werden auf 250 Millionen Euro gesch√§tzt.

Teure Tiefbauarbeiten

Teilnehmende Gemeinden m√ľssen mit etwa einem Drittel Eigenanteil f√ľr die Finanzierung rechnen. Und das kann eine enorme Summe sein:¬†Ladenburg hat beispielsweise knapp 11.500 Einwohner. Die gesch√§tzten Kosten f√ľr die Stadt¬†belaufen sich auf knapp sechs Millionen Euro.

Was den Ausbau so teuer macht, sind nicht die Glasfaserkabel an sich, sondern die notwendigen¬†Tiefbauarbeiten: Da die Kabel in unterirdischen Rohren verlaufen, m√ľssen f√ľr die Verlegung die Stra√üen aufgerissen und anschlie√üend erneuert werden.

Enorme Einsparmöglichkeiten

Wenn die Rohrverlegungen mit ohnehin anstehenden Tiefbauma√ünahmen kombiniert werden, ist in Einzelf√§llen mit Einsparungsm√∂glichkeiten von bis zu 80 Prozent zu rechnen. In Ilvesheim habe man beispielsweise laut B√ľrgermeister Andreas Metz „schon seit Jahren darauf geachtet, geeignete Lehrrohre mitzuverlegen, wenn Stra√üensanierungen anstanden“.

Somit ist gut m√∂glich, dass die Projektkosten im Endeffekt erheblich g√ľnstiger werden als in den Kostensch√§tzungen kalkuliert. Der Zweckverband wird¬†sich voraussichtlich¬†am¬†01. Januar 2015 gr√ľnden, die ersten Inbetriebnahmen sollen gegen Ende 2015 erfolgen. Bis 2030 sollen Breitbandanschl√ľsse √ľberall Standard sein.

Es gibt keine optimale Generallösung

Glasfaserkabel sind derzeit unerreicht, was Geschwindigkeiten angeht – und werden das wohl¬†vorerst auch bleiben. Die Daten√ľbertragung erfolgt √ľber Licht – das schnellste Tr√§germedium √ľberhaupt.

Forscher berichten von √úbertragungen mit¬†√ľber 70 Terrabit pro Sekunde. Das sind mehr als¬†70.000.000 Megabit. Diese Werte sind momentan¬†nur in High-Tech-Laboren unter Spezialbedingungen m√∂glich. Dennoch verdeutlicht es, wozu die Technologie in der Lage ist.

„Mindestens 50 Jahre Ruhe“

Prof. Dr.¬†J√ľrgen Anders war an der Erstellung der Studie¬†beteiligt f√ľr die Landesregierung beteiligt. Jetzt arbeitet er auch bei der Planung f√ľr den Zweckverband mit. Er sagt:

Mit Glasfaserkabeln hat man mindestens die nächsten 50 Jahre Ruhe.

Und trotzdem werden nicht alle 54 Kommunen und Gemeinden des Rhein-Neckar-Kreises dem Zweckverband beitreten. Denn auf den Ausbau zu verzichten, kann tatsächlich dann sinnvoll sein, wenn die Höhe der Kosten keine wirtschaftlich tragfähige Investition sind.

Funktechnologie als Alternative?

Eine m√∂gliche Alternative ist beispielsweise die kabellose Daten√ľbertragung. Da die Funkt√ľrme nicht erst unterirdisch verlegt werden m√ľssen, ist diese Technik in¬†aller Regel wesentlich g√ľnstiger. Doch die Funkverbindungen haben auch einige Nachteile: Die √úbertragung ist anf√§llig f√ľr St√∂rungen und die Datensicherheit ist fragw√ľrdig. Au√üerdem sei laut IHK¬†bei manchen Methoden Strahlungssch√§den zu bef√ľrchten.

Der IHK zufolge stellt ¬†f√ľr manche Gemeinden LTE-Technologie¬†eine gute L√∂sung dar. Und zwar dann, wenn die ortsans√§ssigen Betriebe nur zu gewissen Zeitpunkten, etwa fr√ľh morgens, ein hohes Datenvolumen brauchen. Bei LTE-Netzen¬†handelt es sich um ein so genanntes „shared¬†medium“. Das hei√üt: Alle Nutzer greifen auf das gleiche Netz zu.

Einzelfall entscheidend

Bei geringem Betrieb lassen sich ansehnliche Geschwindigkeiten von bis zu 300 MBit/sec erreichen. Bei sehr intensiver Nutzung nimmt die Geschwindigkeit allerdings ab, wodurch die Stabilität nur bedingt zuverlässig ist.

Es gibt also keine beste L√∂sung, wie √ľberall f√ľr schnelles Internet gesorgt werden kann. Die ideale L√∂sung ist immer auf den Einzelfall abgestimmt. Sicher ist nur in jedem Fall: Es muss etwas getan werden. Und zwar so schnell wie m√∂glich in ganz Deutschland. Nach verschiedenen Berechnungen k√∂nnten hier Investitionskosten von bis zu 70 Milliarden Euro notwendig sein – das ist sehr viel Geld, aber die Datenautobahnen sind unverzichtbar.

 

 

 

√úber Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.