Sonntag, 19. November 2017

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina Stärz

Über Hornochsen und Rinder

Dieser Ochse hat noch Hörner. Foto: Wikipedia, B. Navez – Cantal (France).

Rhein-Neckar, 26. November 2012. Es gibt Ochsen mit und ohne Hörner und manchmal sind damit auch Rinder gemeint. Gesina Stärz macht sich so ihre Gedanken

Zu welcher Gattung Hornochsen gehören, darüber ist sich die Menschheit keineswegs einig. Allein im Internet sind deutlich mehr Bilder von Menschen unter der Bezeichnung zu finden, als von männlichen Rindern mit Hörnern.

Nun gut, die meisten von uns kennen sicher Momente in denen ihnen Hörner aufgesetzt wurden. Die Momente, in denen umgekehrt wir jemanden Hörner aufgesetzt haben, die sind weniger leicht erinnerbar. Woran das wohl liegt… ?

Neulich war mein Freund Anton bei mir zu Gast. Er hatte in einer bekannten Traditionswirtschaft zu Abend gespeist – Ochsengulasch und ein Bier – und zelebrierte so eine kleine private Feier. Denn in dieser urigen Wirtschaft hatte er seine Frau kennengelernt, die das mittlerweile anderthalbjährige Töchterchen, derweil er ein Wochenendseminar hielt, zuhause versorgte.

Im Anschluss an sein abendliches Mahl dachte sich Anton er könne doch mit den Seminarteilnehmern am nächsten Tag hier zu Mittag speisen. Er erhob sich, ging auf den Wirt zu, der hinter den Tresen Bier ausschenkte und wollte für zwölf Personen reservieren. „Geht nur per E-Mail“, sagte der Wirt kurz angebunden.

Das war wohl so ein Moment, in dem irgendwie die Hörner von Ochsen eine Rolle spielten. Nur wer wem Hörner aufsetzte, war noch nicht entschieden. Anton zückte sein Smartphone, klickte auf die Website der Wirtschaft, fand sofort unter Kontakte die E-Mail-Adresse und sendete vor den Augen des Wirtes seine Reservierungsanfrage per Mail ab. „Gut“, meinte der Wirt. „Dann bekommen Sie bis Mitternacht von mir Bescheid.“

Hornochsen-freies Gebiet

Vielleicht gehören ja Rinder mit Hörnern bald den vom Aussterben bedrohten Haustierarten an und finden sich als solche auf den roten Listen der EU und bestenfalls subventioniert in Archehöfen. Denn immerhin verkündete das Landwirtschaftsministerium, dass in Zukunft Rinder ohne Hörner gezüchtet werden sollen.

Die Presse fragte daraufhin besorgt: „Ist Deutschland bald Hornochsen-frei?“. Das könnte sein, so die Antwort, denn die Wissenschaft habe festgestellt, dass auf natürliche Art hornfreie Rinder die gleiche Milchleistung erzielen wie gehörnte.

Achtung: Wer hier männliche von weiblichen Rindern, ganz gleich ob mit oder ohne Hörner, nicht unterscheiden kann und alle in einen Topf wirft, aus dem am Ende Ochsen oder gar Hornochsen herauskommen, der sei gewarnt: Deutschland könnte, laut Zeitung, in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich hornochsenfrei sei, denn schon jetzt wird Fleckviehbesamung teilweise mit hornlosen Ochsen durchgeführt. Die Tendenz sei steigend, heißt es weiter.

P.S.: Wie eine Besamung mit Ochsen, so werden üblicherweise kastrierte Stiere bezeichnet, möglich ist, stand nicht in der Zeitung.

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina Stärz

Schreiben ist gefährlich

Eignungstests für alle Lebenslagen.

Rhein-Neckar, 07. Mai 2012. Es gibt Eignungstests für alle Lebenslagen. Für Medziner, Piloten, Diplomaten … Aber gibt e s das auch für Schriftsteller? Oder wie stellt man fest, wie und ob man für diesen Beruf geeignet ist?

Wer Pilot oder Fluglotse werden will, der muss sich umfangreichen Tests stellen. 90 Prozent der Bewerber sollen bei den Eignungstests der Lufthansa durchfallen. Und bei tausend Bewerbern, die sich im Gesundheitscheck einem Gehirnscreening unterziehen, sollen zwei dabei sein, bei denen man einen Gehirntumor feststellt – ist zumindest von Insidern zu erfahren.

Das ist hart, denn wer will schon vor der Zeit in seine Zukunft blicken. Doch die Sicherheit von Menschen fordert diesen Tribut von den Bewerbern.

Es gibt auch Studiengänge, die mit frustrierenden Selektionstests beginnen, deren Motivation unklar ist. Physikstudenten treten im ersten Semester voller Hoffnung an und erfahren von den Dozenten zur Begrüßung, dass ohnehin mehr als die Hälfte der Studenten die Tests im ersten Semester nicht bestehen. Warum die Hürden so hoch sind, versteht niemand, denn immerhin braucht das Land der Dichter und Denker Naturwissenschaftler.

Chefs oder andere Herausforderungen

Für Dichter oder besser, die Berufsgruppe der Schriftsteller, gibt es keine Eignungstests – abgesehen davon, dass es nicht mal eine Ausbildung gibt. Man könnte sagen, dass dieser Berufsstand völlig sich selbst und den Gesetzen des freien Marktes überlassen ist, auch wenn Gesetzestexte und Verbandsempfehlungen anderes suggerieren.

Auf die tatsächlichen Herausforderungen, die Schriftsteller im Berufsleben erwarten, bereitet einen keiner mit Eignungstests vor. Die ergeben sich aus dem Berufsleben selbst.

Das erfuhr ich, als mich ein Programmdirektor, da er Interesse an meinem Romanmanuskript hatte, in sein Büro einlud und mich mit einer kleinen Einführung in die Härten des Berufes empfing: Er machte mich darauf aufmerksam, dass heute sowieso kaum noch einer lese. Nur noch Frauen würden lesen, Männer eigentlich gar nicht mehr.

Das Berufsleben sei so herausfordernd, da bliebe keine Zeit zum Lesen. Als Beweis dafür wies er auf die vielen Buchläden hin, die, wenn nicht gerade ein neuer „Harry Potter“ auf den Ladentisch kommt, aufgeben müssen. Wie viele Buchläden gibt es eigentlich in der Metropolregion? Doch damit nicht genug. Das Bildungsniveau sinke immer weiter ab, sodass nur noch Romane mit klarem Aufbau gelesen würden.

Der Lesemarkt verändert sich

Ich hörte staunend zu. Nicht weil diese Informationen mich überraschten. Solches ist seit Jahrzehnten aus den Verlagshäusern, die ebenfalls immer weniger werden, zu hören. Und auf jedes Statement hätte ich mit einem Gegenargument antworten können, in der Richtung, dass die Vertriebswege für Geschriebenes sich ändern, dass ich auf meinen Lesereisen viele Menschen, unter ihnen Buchhändler und Bibliothekare kennengelernt habe, die von ihren Kunden als leidenschaftliche Leser berichten.

Ich hätte ihm von Bibliotheken erzählen können, die besonders unter den männlichen Lesern in mittleren Jahren Zuwächse verzeichnen. Und ich hätte berichten können, wie gierig in Krankenhäusern und Pflegeheimen Menschen, die selbst nicht mehr lesen können, darauf warten, dass ihnen jemand vorliest und vieles mehr.

Kurz und gut: Der Markt verändert sich, aber er verschwindet nicht einfach und die Menschen lieben gute, unterhaltsame Geschichten mit Anspruch und wenn sie als Filmen in den Kinos daherkommen.
All das, war ich im Moment des Gesprächs nicht in der Lage zu sagen. Immerhin erklärte mir gerade jemand, der Interesse an meinem Manuskript bekundete, dass Schriftsteller komplett überflüssig seien. Ich verstand die Welt nicht mehr, auch wenn ich es gewöhnt war, mich mit meine Figuren auf Reisen in Erlebniswelten zu begeben, die mir selbst bizarr erschienen.

Eignungstests und Bewältigungsstrategien

Sollte man nicht angesichts solcher Erlebnisse, die wohl viele Schriftsteller irgendwann im Laufe ihres Berufslebens unvorbereitet treffen, Eignungstests für diese Berufsgruppe einführen und ihre Frustrationstoleranz sowie Stressresistenz prüfen?

Sie darauf hinweisen, dass sie in solchen Situationen die Kopfhörer ihres Smartphones ins Ohr stöpseln oder besser, noch mindestens drei Berufe im Hintergrund haben sollten? Bevor ich über weiteren Gedanken verrückt wurde, rezensierte ich anschließend in einem Café bei einem Espresso seine kleine Rede und kam zu dem Schluss: Vermutlich meinte er nicht, was er sagte. Vermutlich sagte er all das nur, weil er etwas anderes meinte.

Ich eignete mich offensichtlich für den Beruf des Schriftstellers, hatte ich doch eine Bewältigungsstrategie gefunden. Erleichtert bestellte ich mir noch einen Espresso und notierte mir Ideen für einen Krimi in dem der Leiter eines Verlages unter mysteriösen Umständen verschwindet …

Immer lächeln – vor allem beim Finanzamt

Auch optisch keine Freude: Service Center Seite des Mannheimer Finanzamts.

„So romantisch wie eine deutsche Steuerklärung“, so bewerten Reisende auf Tripadvisor.de ein Hotel im italienischen Bardolino. Sie begründen ihre Aussage mit Regelungsoverkill, sodass der Eindruck entstehe, dass die Hotelgäste stören.

Wie Gäste in besagtem Hotel, scheinen auch Steuerzahler in Finanzämtern zu stören. Zwar gibt es in den meisten sogenannte Servicecenter, in denen die Steuerzahler ihre Steuererklärungen abgeben können und dort – so das Konzept – Service, Beratung und Freundlichkeit erwarten können.

Spiegelneuronen bei Finanzbeamten

Freundlich sind die Finanzbeamten vor allem dann, wenn man ihnen freundlich strahlend und mit einer leicht devoten Haltung begegnet. Dann passiert das biologisch Unvermeidliche: Die Spiegelneuronen sorgen dafür, dass auch der Finanzbeamte lächelt.

Die Spiegelneuronen sind Nervenzellen im Gehirn, die dafür sorgen, dass unsere Gefühle auf den anderen überspringen also ansteckend sind. 1995 entdeckte der Italiener Giacomo Rizzolatti mit seinem Team die Spiegelneuronen.

Wehe denjenigen, die einen Finanzbeamten wütend gegenüber treten. Die Wut über Steuernachzahlungen, das nicht verstehbare Deutsch von Steuervorschriften sowie über das System und die Euro- und Wirtschafts- und Finanzkrise – überhaupt senden kluge Steuerzahler an ihre Steuerberater per Mail.

Die Steuerberater können diese dann ungelesen löschen. So ist gesagt, was gesagt werden muss und niemand läuft Gefahr sich an Wut anzustecken.

Devote Haltungen erleichtern das Steuerzahlen

Ausdauernd so lange Lächeln bis das Lächeln endlich beim Finanzbeamen angekommen ist, ist wohl die einzige Möglichkeit eine entspannte Atmosphäre herzustellen. Denn das reichlich fließende Geld von uns Steuerzahlern macht die Finanzbeamten offensichtlich auch nicht glücklicher.

Da können die deutschen Steuerzahler noch so viel zahlen, wie die 527,3 Milliarden Euro im Jahr 2011 und damit immerhin 38,5 Milliarden Euro mehr wie im Jahr 2010. Im Jahr 2012 wird übrigens von einem Anstieg der Steuereinnahmen von 21,4 Milliarden Euro ausgegangen.

Selbst wenn wir sie bei Verwaltungsarbeiten unterstützen und Briefe vom Finanzamt, die mit diesem vorwurfsvoll strafenden Unterton die schon längst fällige Einkommenssteuer unter Fristsetzung einfordern mit dem höflichen Hinweis beantworten, dass die bereits vorliegt und vermutlich falsch zugeordnet wurde, da das Finanzamt offensichtlich unsere Steuernummer verwechselt hat, gibt es kein freundliches Feedback in der Art: Oh, das tut uns leid. Danke für den Hinweis.

Stattdessen erhalten wir unsere ohnehin schon bekannte Steuernummer mit dem eindringlichen Vermerk, dass diese in Zukunft zu verwenden sei. Vermutlich hat der Staat all seine Finanzbeamten entlassen und Roboter eingestellt. Und vermutlich empfiehlt die deutsche Regierung der griechischen ebenfalls auf Roboter umzustellen.

Genaugenommen gibt es eigentlich nur eine Spielart, mit denen die Finanzbeamten Steuerzahler glücklich machen können: Mit der Rückzahlung bereits eingezahlter Steuergelder.

Sobald ein Vorauszahlungsbescheid beim Steuerzahler eintrifft, in dem es heißt: „Als Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer und den Solidaritätszuschlag werden festgesetzt und sind zu entrichten für alle Kalendermonate 2012 – Einkommenssteuer 0,00 Euro, Solidaritätszuschlag 0,00 Euro“, bedeutet dies: Du bist raus. Existenzieller Exitus. Einnahmenausfall. Auch nicht gerade eine Nachricht vom Finanzamt, die glücklich macht.

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina Stärz

Schnecken, Austern und Sauerkraut – beim Verzehr bitte lächeln …

Frische Austern - wirklich lecker? Quelle: Wikipedia, Garitzko.

Rhein-Neckar, 16. Januar 2012. Gewisse Delikatessen verspeisen viele Menschen vor allem, um höflich zu sein und den Gastgeber nicht zu verärgern. Das erfuhr Gesina Stärz neulich auf einer Party.

Die Gäste erzählten sich ihre Erlebnisse mit Austern, Schnecken, Kaviar und Hummer. Eine Frau erzählt:

„Austern musste ich einmal in Italien essen. Die kaufte unsere Gastgeberin immer in der Früh frisch auf dem Markt. Einmal nahm sie uns mit und wir mussten vor Ort jeder drei Stück kosten.“

Weil sie höflich sein wollte, hätte sie die Austern sehr gelobt. Zum Abendessen habe es dann für jeden zwölf Austern gegeben!

Diese weichen Gebilde zu verspeisen muss für die Frau eine große Qual gewesen sein. Mir schien, als würgte sie beim Erzählen und ihr Gesicht überzog sich mit so einem eigenartigen grünen Schimmer.

Am nächsten Tag habe die Gastgeberin die Austern zum Glück gratiniert, erzählte die Frau weiter. Die Kruste über den schleimigen Gebilden habe dann das Essen wesentlich erleichtert. Vielleicht erinnerte sie das an den guten bayerischen Schweinsbraten.

Zerlassene Schneckenbutter

Mein Erlebnis mit Meeresfrüchten erzählte ich lieber nicht. Der Abend in einem französischen Restaurant in der Pfalz endete mit einer Lebensmittelvergiftung. Der vierte Gang der Menüfolge bestand nämlich aus Jakobsmuscheln auf Sauerkraut.

Während ich noch an die Schwächeanfälle dachte, die mich eine Woche nach dem vierten Gang „Jakobsmuscheln auf Sauerkraut“ peinigten, erzählte ein anderer Partygast, dass er ziemlich Probleme mit Schnecken habe. Man könne die Schnecken nur essen, wenn sie in Kräuterbutter gedünstet werden. Ja, man esse die Schnecken eigentlich nur, wegen der zerlassenen Kräuterbutter, die dann mit frischem Weißbrot sehr gut schmecke.

Toter Hummer

Nun fehlten nur noch Geschichten mit Kaviar und Hummer. Die Klassiker sozusagen. Fischeier mag eigentlich keiner. Und an die schreckliche Art, den Hummer zu töten, darf man gar nicht denken und überhaupt sollte man ihn deshalb auch gar nicht essen. Richtig. Wir sollten vieles gar nicht essen aus vielen sehr gewichtigen Gründen.

Vielleicht sollte man analog zum Begriff „Politische Korrektheit“, der den besonders sensiblen Umgang mit der Sprache bezeichnet, um Minderheiten nicht allein schon durch die verwendeten Worte zu diskriminieren, den Begriff der ökologischen Korrektheit für unser Essverhalten einführen. Immerhin könnten wir uns bei gewissen Delikatessen nicht einmal darauf berufen, dass sie gar so unwiderstehlich munden.

Auf der Party gab es übrigens unter anderem Schweinsbraten nach italienischer Art in Rosmarin und Zwiebeln eingelegt und im Holzbackofen gebacken und zum Dessert wurde Stachelbeerkuchen mit Sahne- und Baiserschicht gereicht.