Freitag, 22. September 2017

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina StÀrz

Die Sache mit den schwarzen Schafen

Ein schwarzes Schaf in einer Herden von weißen. Quelle: Jesus Solana/Wikipedia.

Rhein-Neckar, 02. April 2012. Gibt es schwarze Schafe? Und welche Bedeutung haben sie? Und was hat das alles mit der EuropĂ€ischen Union zu tun? DarĂŒber macht sich Gesina so ihre Gedanken.

Schwarze Schafe gibt es nicht. Dieser Satz ist kaum zu glauben, begleiten sie doch die meisten von uns seit Kindertagen, und zwar in Form eines Schlafliedes, das wohl aus der Kiste der schwarzen PĂ€dagogik stammt.

„Schlaf Kindlein schlaf. Da draußen steht ein Schaf, ein schwarzes und weißes und wenn das Kind nicht schlafen, will, dann kommt das schwarze und beißt es.“ Wer diese Version des Kinderliedes nicht kennt, kennt mit Sicherheit die Bezeichnung „schwarzes Schaf“ als Redensart.

Das „schwarze Schaf“ ist der Außenseiter in einer sozialen Gruppe, der SĂŒndenbock, der durch sein Verhalten missfĂ€llt und die anderen in Misskredit bringt.

Dennoch: schwarze Schafe gibt es nicht. Nicht in den landwirtschaftlichen Förderrichtlinien der EuropÀischen Gemeinschaft und nicht in Kinderliedern.

Das Kinderlied „Schlaf Kindlein schlaf.“, stammt aus dem Jahre 1611. Nur die erste Strophe gab es damals. Die lautete: „Schlaf, Kindlein, schlaf. Der Vater hĂŒt‘ die Schaf. Die Mutter schĂŒttelt‘s BĂ€umelein. Da fĂ€llt herab ein TrĂ€umelein. Schlaf, Kindlein, schlaf!“

Die schwarzen Schafe in der EuropÀischen Union

In der mehrstrophigen spĂ€teren Fassung aus des „Knaben Wunderhorn“ von 1808 kommt ein schwarzer Hund, aber kein schwarzes Schaf vor. Es gibt seither viele Fassungen des Schlafliedes, eine von Christian Morgenstern und viele sind Neuschöpfungen von Eltern und Großeltern, darunter die mit dem schwarzen Schaf, die wohl am bekanntesten in der Generation der Großeltern war, wo immer sie auch herstammt.

Und wie ist das nun mit der EuropĂ€ischen Union? Schwarze Schafe in der EU gibt es als Datenbank des Verbraucherschutzes. Schwarze Schafe in dieser Datenbank sind Unternehmen, die mit aggressivem Marketing, falschen und irrefĂŒhrenden Informationen Verbraucher zum Kauf nötigen. Vor diesen will uns die EU schĂŒtzen.

Wohl denn – was soll man dazu angesichts der Banken-, Finanz- und Eurokrise sagen? Die MĂ€nner und Frauen, die die Geschicke der EuropĂ€ischen Union lenken, singen uns zwar kein Kinderlied, aber erzĂ€hlen uns offensichtlich ein MĂ€rchen oder machen Kabarett. Wenn dem so ist, dĂŒrften sie heiße AnwĂ€rter auf den Kabarettpreis „das schwarze Schaf“ sein, den Hanns Dieter HĂŒsch 1999 ins Leben rief.

Förderrichtlinien fĂŒr schwarz-braune Schafe

ZurĂŒck zu den schwarzen Schafen: Schwarze Schafe, insbesondere schwarze LĂ€mmer sind wunderschöne Tiere mit samtschwarzen Augen und einem glĂ€nzenden schwarzen Fell. Sie gibt es. In der Natur. Heutzutage meist in sogenannten Arche-Höfen. Die Bezeichnung Arche-Hof wird von der Gesellschaft zur Erhaltung gefĂ€hrdeter Haustierrassen e.V. (GEH) vergeben.

Alle zwei Wochen stirbt laut GEH eine an Klima und Standort angepasste Nutztierrasse aus. Über 100 Rassen stehen allein in Deutschland auf der roten Liste. Die Landwirte aus dem Tegernseer Tal wie andernorts wissen davon. Arche-Höfe halten diese Tiere als Nutztiere und zĂŒchten sie.

Allerdings im Falle von schwarzen Schafen jenseits der Förderrichtlinien der EU, weshalb die SĂŒdtiroler ihre schwarzen Schafe schwarz-braune Schafe nennen. FĂŒr braune Schafe, die ebenfalls vom Aussterben bedroht sind, gibt es wiederum Fördergelder.

Aber warum ist ein schwarzes Schaf ein schwarzes Schaf und als solches geschmĂ€ht und nicht existent, wenn es auch allerliebst anzuschauen ist? Schwarze Schafe sind schon lange vor Zeiten der EU geĂ€chtet worden – es finden sich dazu sogar Bibelstellen im Alten Testament bei Moses – , da ihre Wolle nicht wie die von weißen Schafen gefĂ€rbt werden kann. Insofern ist diese wenig oder gar nichts wert.

Allerdings sind schwarze Schafe in Schafherden durchaus wichtig. In frĂŒheren Jahrhunderten bestand eine Schafherde aus etwa 300 Tieren. Jedes 20. Schaf war ein schwarzes, damit der SchĂ€fer seine SchĂ€fchen besser zĂ€hlen konnte. Heute besteht eine Schafherde aus 1000 Tieren. Jedes 50. Schaf ist ein schwarzes Schaf. Wer beim Einschlafen SchĂ€fchen zĂ€hlt, sollte also durchaus auch ein paar schwarze an seinem inneren Auge vorbeiziehen lassen.