Montag, 25. September 2017

Journalist vs. katholische Kirche

Geprothmannt: Solidarität mit Aigner

Der Regensburger Dom – Sinnbild der Meinungsverachtung und des Schweigegelds. Quelle: Regensburg-digital.de

Rhein-Neckar/Regensburg, 24. September 2012. (red) Der Regensburger Journalist Stefan Aigner ist jemand, der genau hinschaut. Jemand, der sich um Opfer k√ľmmert. Jemand, der die l√§ngst vergessene Kunst der Sozialreportage im Lokalen wieder aufleben l√§sst. Jemand, dem es nicht egal ist, ob man „Streumunition“ als „intelligente Wirksysteme“ bezeichnet. Und immer wieder wird der Journalist von Konzernen verklagt: Ob von Waffenfabrikanten wie „Diel“, ob von Glaubensfabrikanten wie der „Di√∂zese Regensburg“ oder von einer XXL-M√∂belfabrikantenkette. Die katholische Kirche will Stefan Aigner exkommunizieren und geht bis vors weltlich j√ľngste Gericht. Der Glaubenskonzern will dem Regensburger Journalisten verbieten lassen, im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch Geldzahlungen als „Schweigegeld“ zu bezeichnen.

Von Hardy Prothmann

Die Di√∂zese Regensburg hat die Widerw√§rtigkeit als Glaubensprinzip entdeckt. Der juristische Glaubenskampf eines Bischofs M√ľller ist an Erb√§rmlichkeit nicht zu √ľberbieten. √úber Jahrzehnte¬† hat die katholische Kirche den Missbrauch von Schutzbefohlenen „gedeckt“.

Der Skandal des mannigfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern Jugendlichen durch katholische Priester oder sonstige Angestellte dieser Kirche hat nicht nur die Glaubensgemeinde, sondern das ganze Land ersch√ľttert. Eine glaubhafte Aufkl√§rung durch die Verantwortlichen hat nicht stattgefunden. Die Missbrauchsopfer wurden durch diese Kirche nochmals verh√∂hnt und √∂ffentlich vergewaltigt.

„Beigeschmack“

Der Regensburger Journalist Stefan Aigner hat sich vor Ort „um das Thema gek√ľmmert“. Und Zahlungen an ein vergewaltiges Opfer als „Beigeschmack von Schweigegeld“ bezeichnet. Wie auch der Spiegel. Das Magazin formulierte h√§rter: Schweigen gegen Geld. Von „Beigeschmack“ ist da keine Rede.

Die Di√∂zese Regensburg hat im Zuge des „fliegenden Gerichtsstands“ dann in Hamburg gegen Spiegel und Aigner geklagt. „Fliegender Gerichtsstand“ meint – da das Internet √ľberall ist, sucht man sich das Gericht aus, bei dem man sich die besten „Chancen“ ausrechnet. Was das √ľber eine Gerichtsbarkeit „im Namen des Volkes“ aussagt, soll hier nicht debattiert werden.

Das Landgericht Hamburg hat erwartungsgem√§√ü sowohl den Spiegel als auch Aigner verurteilt, die Behauptung von „Schweigegeldzahlungen“ zu unterlassen. Doch das Oberlandesgericht hat das Urteil des Landgerichts kassiert. Das passiert oft, aber nur, wenn man es sich leisten kann. Stefan Aigner konnte das, weil er rund 10.000 Euro Spendengelder einwerben konnte, um sich zu wehren. Sonst w√§re er ruiniert gewesen. Im Sinne der Kirche. Denn Aigner hatte vorher versucht, eine Einigung zu erzielen. Sowas wollte das Bistum nicht. Bischof M√ľller steht f√ľr Inquisition.

Verfassungsbeschwerde gegen „Schweigegeld“

Gegen das Urteil des Oberlandesgericht hat die Di√∂zese Regensburg nun laut einem Bericht von regensburg-digital.de „Verfassungsbeschwerde“ eingelegt. Bischof M√ľller als Verantwortlicher will also vom h√∂chsten deutschen Gericht kl√§ren lassen, ob Zahlungen an die Familie eines von einem katholischen Priester zweifelsfrei missbrauchten Jungen als „Schweigegeld“ bezeichnet werden darf oder nicht.

Abseits jeder juristischen „Einordnung“ macht das fassungslos. Jede Scham fehlt. Jedes Schuldbewusstsein. Jede Verantwortlichkeit. Selbst wenn es kein Schweigegeld gewesen w√§re, vermisst man bis heute Demut und Anstand bei der Di√∂zese Regensburg. Vielleicht „stinkt der Kopf vom Fisch her“ hier besonders von der Person M√ľller, aber insgesamt ist das Verhalten der katholischen Kirche in Sachen Aufkl√§rung in ganz Deutschland auf ungl√§ubiges Entsetzen gesto√üen.

Um auch das festzustellen: Die „ungeheuerliche“ Klage richtet sich allein gegen einen gro√üen Verlag, den Spiegel und gegen einen freien Journalisten, Stefan Aigner. Auch das erstaunlich oder auch nicht. Die vor Ort „etablierte Presse“ hat entweder gar nicht oder im Sinne der Kirche berichtet. Eine kritische Berichterstattung hat es hier nicht gegeben. Vor Ort soll alles seinen Gang gehen wie immer, Kritik ist nur „in Ma√üen“ erw√ľnscht, was sich h√§ufig in Ma√übierberichterstattung best√§tigt, die Tageszeitungen bedienen teuer bezahlende Kunden gut und der Rest findet nicht statt.

Regensburg ist √ľberall

Regensburg ist √ľberall. Genau wie Heddesheim, Ilvesheim oder Weinheim. Was anders ist: Es gibt neue, freie und unabh√§ngige journalistische Angebote. Die sich trauen, hintergr√ľndig zu berichten. Und immer √∂fter finden sie Themen, die deutschlandweit Interesse finden, w√§hrend Lokalzeitungen in ihrer Instant-Bratwurst-So√üe schwimmen. Im Gegensatz zu denen, die sich nichts in den Block diktieren lassen, sondern auf dem Blog anprangern, was schief l√§uft.

Teilen Sie diesen Artikel, informieren Sie Ihre Freunde und Bekannten √ľber neue M√∂glichkeiten. Fragen Sie sich, was Ihrer Meinung nach „√∂ffentlich“ sein muss. Informieren Sie wirklich kritische Journalisten. Helfen Sie mit Ihrem Interesse Stefan Aigner – denn der macht das nicht f√ľr sein Bankkonto, sondern aus √úberzeugung. Ich halte ihn f√ľr einen ganz herausragenden Journalisten, der mit Herzblut und einer nach Artikel 5 Grundgesetz bestimmten Haltung eine St√ľtze unserer Demokratie ist. Einen Preis wird er f√ľr seine engagierte Arbeit vermutlich nie gewinnen. Denn er ist kein Teil des „Print-Preis-Systems“, das sich nur selbst huldigt.